Freitag, Juni 10, 2011

scott matthew - gallantry's favorite son (2011)


mit seiner stimme kann er das alles. der verzweiflung, dem zweifel, der liebesnot, der liebe, dem hin- und hergeworfen sein seinen stempel aufdrücken. unter dem schwingen seiner bänder skizziert scott matthew szenarien der seelenpein.
wer ihm einmal verfangen ist, der kommt so schnell nicht wieder in jene freiheit zurück, die er kannte, höchstens in eine, in der sich waidwunde pane die hufe schütteln. eine fabelwelt, die alles andere als fabelhaft sein kann, denn sie ist sich ihrer selbst entzogen, scott matthew hat sich ihrer bemächtig und bestimmt das wollen und werden. die bilder sind entlehnt, die verfügungen trifft nur noch der eine.

es ist sein los. er muss den dürstenden das wasser reichen, den hungrigen den laib brechen. er muss sich selbst auswringen, nackt daherkommen, um alle zu befriedigen, die sich nicht satt sehen, satt hören können. wer die menschliche kreatur verstehen will, muss sich mit beziehungen beschäftigen, mit den sozialen räumen, mit dem zurückgeworfen sein auf das eigene selbst. und so reflektiert matthew immer wieder aufs neue das bekenntnis zur liebe, gibt dem drängen nach ausdruck nach, obwohl es ihn stets gebrach.

mit zwei alben gelang ihm die verfügung eines rechts. auf schamlose herzensschau, auf mut in der ausweglosigkeit, auf unvernünftige grazie, auf sentiment, wie es nur wenigen zugestanden wird. in der wiederholung stauchte sich nicht die not, sondern bestätigte sich die verletztheit, die berührbarkeit und die absicht damit leben können zu wollen. zu müssen, als triebfeder künstlerischen zwangs.

die stimme barmend, zielführend auf das selbstzerstörerische, zerfleischende hin ausgerichtet, anbahnend das frühe ende, das in tragik getaucht, generationen überdauert. ein teil der metamorphose einer persönlichkeit, die sich ihrer selbst nie sicher war, deren goldkettenbehang zwar mächtig glänzte, doch das selbstvertrauen schwer kontakarierte. und nun steigen wir mit matthew in den hades und werden zeuge einer begleitung, einer führung. denn alles, was sich zeigt, ist dem sänger längst bekannt, fern jeglicher überraschung, bar jeden staunens. sich in dieser sicherheit wiegend, verliert sich die kindliche unbedarftheit und der stolz, der sich einst aus dem betreten unberührter erde gebar.

mit "gallantry's favorite son" legt scott matthew sein drittes soloalbum vor und wenngleich der australische barde fürderhin seine themen in den beziehungstiefen sucht, so klang er selten offener, zugänglicher und ja, entspannter. vieles hat sich für den in new york lebenden eingerenkt, vor allem fragen des künstlerischen selbstverständnisses sind geklärt. wer matthew einmal live erlebt hat, wird ahnen können, mit welchen geistern er zu kämpfen hat(te).

und wer sich an den vorgängerwerken, dem 2007 selftitled album und dem 2009er "there is an ocean that divides and with my longing i can charge it with a voltage thats so violent to cross it could mean death" gütlich tat, weil er der selbstzerfleischung und dem hunger nach liebe selbstreferentiell gegenüberstand oder gar seinen persönlichen voyeurismus befriedigt sah oder einfach nur mitdarbte, wird mit "gallantry's favorite son" seine schwierigkeiten haben. eine beschwingte note, wie sie in "felicity", "devil's onyl child" oder "the wonder of falling in love" auftaucht, fand man bisher selten. doch wer wollte ihm nicht die versöhnung mit dem leben und der liebe gönnen?
wie matthew ins jubilieren, gar ins trällern gerät, macht staunen und gerät ihm doch so beglückend unbeschwert, dass auch hier die anteilnahme zu einer leichtigkeit gerät.

doch schließlich holen uns songs wie "black bird", "true sting" oder "buried alive" wieder zurück auf die ehedem matthewsche einbahnstraße. die worte sind klar, die lyrik ohne wagnis, das bekenntnis, das unverständnis, die beteuerung sind teilbar. die transportierende musik ist frei von abenteuern und doch mehr als nur ein treu ergebenes mittel zum zweck. scott nutzt die ukukele nur noch bei vier liedern, verlässt sich auf seine mitstreiter, die mit pianotupfern, cellowärme, violinesegen und harfenmustern sowie perkussiver standhaftigkeit und gitarren- und bass- läufen für die notwendige befriedung sorgen.

bei aller unsicherheit ob des neuen scott matthews entsteht vielleicht nun eine art verschworenheit, während man zuvor doch immer etwas frierend vor der tür, unentschlossen stehen blieb. die wucht der gefühle war zu immens, als dass man sich auch eingeladen fühlen konnte.
"gallantry's favorite son" ist ein schönes album geworden. es enthält großartige songs, die für sich stehend brillieren. in der gesamtheit erreichen sie nicht die spürbar, bedrückende enge, letztlich nicht das niveau der vorgängeralben. doch eine ***1/2-**** ist zu vergeben, die "scott matthew" mit **** und " "there is an ocean that divides..." mit ***** gegenübersteht.

"gallantry's favorite son" von scott matthew erscheint am heutigen 10. juni auf glitterhouse records.

Kommentare:

Oliver Peel hat gesagt…

Eike! Welch schöne Worte du schon wieder findest, alter Poet!

E. hat gesagt…

Danke, alter schwede.

E. hat gesagt…

Danke, alter schwede.