Freitag, Mai 29, 2015

konzert: orange blossom special festival 19, teil 6


manchmal braucht es eben ein bißchen. mit sea wolf wollte man nicht so schnell warm werden. etwas zögerlicher applaus zollte dem tribut. doch mit andauerndem auftritt legte sich die vielleicht gegenseitige reserviertheit. schließlich gab es musik mit intention, mit intensität, mit freude an der kunst zur songgestaltung. im wahrsten sinne des wortes wurden lieder geschaffen. mit geringen mitteln, einer harmonien bereitenden gitarre, einer dem rhythmus anbedungenen gitarre (scott leahy) und einem e-pinao (lisa fendelander), das die soundsüße enthielt. lebendigkeit erreichte die musik aber erst durch den von zweifeln bereinigten gesang von alex brown church. ohne feierlickeit, ohne überzogenheit, ohne karitative strenge beherrschte er die nummern. sein wacher blick schweifte dabei immer wieder durch die reihen, als böte er sich an, als würde er es schwer bedauern, wenn man hier, zu diesem zeitpunkt nicht zusammenfinden würde. und es gelang ja schließlich auch.


die sparsamen, aber akzentuierten lieder zogen einen faden mit sich, der sich von hand zu hand legte und alsbald ein tross bildete, an dem sich die zuschauer festhalten konnten. nun kamen sie mit, nun war man eins, nun waren anfängliche verlegenheit und distanz längst vergessen. keine versprechen, aber ein gemeinsames jetzt. mit melodien, die wach sind und bleiben können. man hatte das gefühl, als zögen sich die drei personen auf der bühne immer weiter zurück, als böten sie den songs immer mehr platz, so dass der zuhörer durch nichts abgelenkt werden könnte. während bei anderen das eigene gebahren platz benötigt, stellten sich hier drei musiker ganz in den dienst ihrer zu liedern geformten noten. wunderbar.


die zitate der großen hängen in der luft. blind willie mctell, woody guthrie, vom einen blues, der die runde macht, ist die rede, und man glaubt dem jungen kerl mit dem fransigen haar. nicht weil er das alter, nicht weil er das maß mitbringt. aber weil er authentisch ist. weil er sich in die welt begibt, die vor ihm andere beschrieben, beschritten haben, weil er ihr erbe mit bedacht aufnimmt und nach seinem gutdünken gestaltet, ohne gefahr zu laufen weder epigone noch weichzeichner zu sein. im gegenteil ist die fast schon unbeherrschte livevariante des programms von kill it kid ein wohliger aufreger. was ungestüm und herzhaft klingt, hat eine tiefe weisheit, eine klare ausgerichtetheit und einen plan. die gitarre schwingt sich auf zum jüngsten gericht, wird dank bottleneck zum jubilieren gebracht und fährt über die stabilen saiten zurück in orpheus heiße stube. dort wird das schweißtuch kurz ausgewrungen, um anzusetzen, wo man gerade erst aufgehört hatte.


unterhaltsam ist die show, die sonne verliert sich gerade hinter den weserbergen, gleißend ist es auf der bühne genug. hinter der schießbude von marc jones bricht der schweiß aus, die coolness des bassers dom kozubik gereicht nicht, um das eigene spiel einzudämmen, die partnerin in crime stephanie jean hämmert der orgel einige ordentliche narreteien aus dem plastikleib und dem frontmann chris turpin steht dieses leben ins gesicht gezeichnet. wie er sich den mumm abringt, um schleuderweise saftige tonfolgen abzufetzen, ist eine helle freude. dem uk sollte um den blues nicht bange werden, hier gibt es emsige erben. auch wenn nicht alles gelingt, so ist doch auch gerade diese tatsache dieser spielart immanent. oder nicht? das leise spiel, zu zweit singen die beiden hauptakteure zur quäkenden gitarre nummern, entzweit. aber was musikalisch nicht ganz ohne befund bleibt, das wird durch das optische wett gemacht, wie der mann hinter uns ganz sicher weiß.


musik spricht uns ja nicht nur in intellektueller hinsicht an, sie bedient durchaus auch die niederen instinkte. wenn man dem sänger von the slow show folgte, der mit einer bassbewährten stimme antrat, die den tiefen tönen einen namen gab, war sicher der eine oder vor allem die andere in mark und bein getroffen. die wirkung war vollkommen, als zöge ein sturm durch ein haus mit geöffneten fenstern und türen. dazu beschrieb sich eine musik, der das elegische wie das dynamische liegt, die sich befähigt sieht, dem schmalbrüstigen burschen in der front einen halt zu bieten, damit er sich nicht in der introspektive verliert. wie zum beschwören hält er die hände über den lauf der gitarre oder streckt einzelne finger gen himmel. kurze abgehackte halbsätze fallen ins rund, manchmal klingen sie wie nicht zu ende gesungen. später, als der energiegeladenere teil des programms folgt, werden die vokalen anteile auch etwas intensiver, weil andauernder, so dass sich die stimme entfalten und ihre hohe sensibilität freisetzen kann.


jetzt kann man sich in der musik deutlich besser wiederfinden und entledigt sich des gefühls, dass die nummern zuvorderst den sänger bedienen. aber nein, er ist nur um kontrolle bemüht, zeigt sich dem publikum zugewandt und ist erfreut ob der begeisterten rückmeldungen. das erste set ist recht kurz, umso ausgiebiger wird die zugabe zelebriert. noch einmal wird fahrt aufgenommen, eingestiegen in eine ganz eigene popfolkloristische welt, der ein feinsinniges e-piano, eine trompete und eine pulsierende rhythmusfraktion zur seite sehen. die deutlichsten akzente aber kommen von einer vorn links postierten e-gitarre, die so feine linien zeichnet, oft stolz dagegen hält oder gar eigene kreise zieht, dass man ganz genau hinhören muss. ein feierlicher abschluss, fürwahr, noch einmal reflektieren zu können, noch einmal in sich gehen, noch einmal über den gedanken stolpern, dass schon wieder schluss sein muss. the slow show haben das hiesige publikum erobert, wie sie es bereits auf ihrer ausgedehnten tour getan haben. sie beherrschen die leisen töne, dann genügt es, wenn zwei gitarren aufblitzen und ein gesang, der frau und mann bewegt, anschlägt, sie können aber auch sehr gut im kollektiv, wenn die ausgesuchten elemente greifen und sich auftun herzen zu erobern.

abschließend noch einmal ein herzlicher dank an die veranstalter für ein rundes programm und eine über jeden zweifel erhabene organisation!

in sternen etwa so:
the wood brothers ****1/2
she keeps bees ****1/2
sea wolf ****
baby in vain ***1/2-****
east cameron folkcore ***1/2-****
easy october ***1/2-****
rocky votolato ***1/2-****
cub and wolf ***1/2-****
money for rope ***1/2
kill it kid ***1/2
leoniden ***1/2
gisbert zu knyphausen ***1/2
the dead south ***1/2
the slow show ***1/2
husky ***1/2
sivert hoyem ***1/2
musée mécanique ***1/2
little hurricane ***1/2
the great bertholinis ***-***1/2
annenmaykantereit *** - ***1/2

Donnerstag, Mai 28, 2015

konzert: orange blossom special festival 19, teil 5


mit dem auftritt von sivert høyem schloss sich in der nacht des zweiten festivaltages der kreis hin zu früheren obs- tagen. der ehemalige madrugada frontmann setzte aber nicht nur einfach eine geschichte fort, schlägt nicht nur kapital aus einst empfangenen meriten, sondern weiß auch unter eigenem namen zu gefallen. an seiner seite ein gitarrist, der in seinem heimatland eine künstlerikone, in hiesigen gefilden aber eher noch ein unbekannter ist, cato salsa, am rechten flügel an orgel und e-piano ein weiterer mitstreiter, so stellen sie dem abend, stellen sie der nacht einige fragen. aber vor allem gelingt ihnen ein melancholischer, ein elegischer, geradezu feierlich abschluss dieses tages. høyem mittlerweile gewohnt ohne haar, dafür stilvoll gekleidet, setzt seine akustische gitarre in szene, sich mit ihr, und doch ist es eher die introspektive, die hier zum ausdruck kommt. dabei bearbeitet er die wohlgeformte harmonie, die eine, auf der herumreitet, die er trimmt, wie es bewusster, wie es schöner für diesen moment nicht sein könnte. dominierend aber eine stimme, die sich warm und nachdrücklich in die herzgegend schmiegt, den beredten muskel umfängt und auf leichten wogen wiegt. die nacht greift mit leisen tatzen nach uns und im gartengeviert breitet sich sehnsüchtige stille aus. (aber hat er uns tatsächlich mit springsteen in die betten geschickt?)


auch der dritte und letzte festivaltag verlangt nach einigen rückblicken. die freude war groß und ernst gemeint, dass sich zu so früher stunde ein areal füllte, welches man auch weniger voll wähnen konnte. ein surprise act ist eben nur ein surprise act. oder ist wie im vorliegenden fall ein außerordentlicher überraschungsgast. nicht nur dass zu knyphausen ein alter obs-bekannter ist, er ist mittlerweile deutschland weit ein oft und gern gesehener gast. seine auftritte sind in aller regelmäßigkeit ausverkauft, umjubelt und stets positiv reflektiert. was seine gründe hat. er scharrt musiker um sich, die nicht nur handwerklich versiert sind. sie können gisberts liedern die sporen geben, sie können weise untermalen, sie können differenzieren.


und da sind natürlich diese lieder selbst. die mitgesungen werden können. nicht nur weil sie schmissige zeilen enthalten, sondern weil sie eine stille weisheit in sich tragen. eine weisheit, von der man ahnt, dass man sie selbst besitzt und doch nicht über die lippen bekommt. weil man die worte nicht kennt. gisbert zu knyphausen kennt sie aber und teilt sie mit. und diesmal tut er es konzentriert, ganz an sich und seine aussagen gebunden. eine einheit, der nur schwer beizukommen wäre. ein viel- und zurecht umjubelter auftritt.


dass der auftritt der heißsporne von leoniden 20 minuten zu früh endete, störte im auditorium nicht wirklich jemanden. und zwar nicht, weil das konzert so schlecht war, nein, weil es in seiner kürze durch kalkulierte würze bestach. fünf jungspunde, die wirklich gar nichts anbrennen ließen, die von der ersten minute an krachposten, dass es eine helle freude war. einen gewöhnungsmoment später war man teil des programms, weil man sich angestachelt fühlte von der ungefesselten energie. dort das herzhafte drumming, schweißtreibend, roh, unbändig, hier die fulminanten klöppeleien, elektrosperenzchen und letztlich das spiel des springinsfelds an der gitarre. der behopste nicht nur die bühne oder enterte die bühnenbox, er katapultierte sich auch auf die treppe zum balkon, hüpfte schließlich auch auf diesen, hielt kopfwärts an der nahestehenden wand inne und kehrte wie aufgezogen zurück.


immer wieder klopfte er mit seinem instrument die balken der bühne auf standfestigkeit ab, warf das ihm zugedachte mikro um, und fand glücklicherweise in person von veranstalter und produktionsmanager helfende hände, die ihm das hilfsmittel immer wieder zusammenbauten und zur verfügung stellten. doch der kerl band eben nicht nur personal, sondern auch aufmerksamkeit. ein großes hallo ließ sich in den gesichtern der zuseher abzeichnen. das war zu früher stunde ein ordentliches ausrufezeichen. noiserock mit anleihen zu elektro, lichten rapeinlagen und vor allem schauerlich erfreulichem rock sorgte für zuckungen und jubelrufe. im nachhinein hieß es, es hätten eh nicht mehr songs zur verfügung gestanden, um ein längeres programm zu bieten. es hätte aber auch eine blutende nase oder eine aufgeplatzte lippe pate stehen können, um eine begründung für die kurze nummer abzugeben. denn dass diese veranstaltung ohne verletzungen über die bühne ging, ist wahrlich erstaunlich. abschließend nicht zu vernachlässigen ist der sänger. sein gesang war sehr energisch, aber gekonnt inszeniert und fesselte die vielfachen elemente und gab den songs der band einen konzeptionellen grundgedanken. da er auch ein loser geselle war, hier einen platz einnahm, dort einen anderen, fand sein gitarrist einen freund in der ungezügelten lasterhaftigkeit. schön übrigens anzusehen, dass es eine ordnende hand auf der bühne gab. wenn Ihr sie sehen könnt, achtet darauf, spannend.

man möge dem rezensenten verzeihen, dass er nicht allem habhaft wurde, was in diesen drei tagen angeboten war. unsere kultur setzt auch andere zeichen und so zwang mich das geschundene leder vor den fernseher einer fußballkneipe, um dem treiben des kiezclubs zu folgen, um der strittigen hoffnung standzuhalten, dass wir uns in der liga halten, die wenigstens auch im neuen jahr ein wenig aufregung verheißt. sea and air, die eine unheimlich lange aufbauarbeit zelebrierten, die ihnen hoffentlich erfolgt brachte, und charity children, gingen leider durch die lappen. andere aber werden berichten. ach ja, der support hat genutzt, die stunden vor dem tv trugen einen lohn in sich.


einen heiligenschein über diesen auftritt bitte. auch wenn die blendende sonne über allem thronte,so verdient die show des amerikanischen dreiers the wood brothers ein besonderes ausrufezeichen. die eindringlichkeit, die harmonientreue bei gleichzeitiger professionalität und einem unheimlichen charme zog an. mussten auch erst einige nummern über die wiese ziehen, waren alsbald alle gefesselt. frenetischer applaus zeugte von einem begeisterten publikum. das reagierte nicht nur auf launige ansagen, sondern vielmehr auf eine musik, die sich aus tradition speist, die aber die wachheit besitzt, um dem gestern ein schnippchen zu schlagen. ein frontmann, der die gitarre beherrscht wie kein zweiter, der stile umreisst und von spielarten weiß, von denen vorher keine wusste. der rocken kann und folken darf, der den bues mit und ohne flaschenhals beherrscht, der jaulen lässt und jaulen kann und mit den hunden ausgang übt.


an seiner seite ein alter fahrensmann am bass, der längst bewährt unter anderen köpfen diente und hier den stolz des standup instruments zurückholt, wenn er denn je verloren gegangen war. weder tollkühn, noch schlaftabletten, dafür angemessen pikant, das schlagzeugspiel des dritten kompagnons, das sich einfügt wie der nackte fuss in warmen strandsand. kompakt der sound, aus dem heraus aber jede note sticht wie hafer im stroh, so dass man beständig gefesselt, gebunden war an diese großartigen songs. wer die chance erhalten sollte, the wood brothers in naher oder ferner zukunft sehen zu können, ist aufgefordert sie nicht zu verpassen. grandios!

konzert: orange blossom special festival 19, teil 4


der zweite festivaltag hielt noch einige schmankerl bereit. weiter ging es mit the dead south aus kanada. beim soundcheck noch in gedeckten farben gekleidet, hatte sich der vierer zum auftritt umgezogen, schick gemacht. weiß behemdet, wohl behütet und mit akustischen instrumenten bewaffnet, trat das ensemble einem aufmerksamen publikum entgegen. konnte das gut gehen? so ganz ohne feistes schlagzeug? konnte. denn schub hatte diese gruppenarbeit auf jeden fall. fast schon agressives gitarrenschrammeln, dazu feine mandolineneinschübe, deutliche akzente von seiten des banjos und schließlich so ein tiefer, gegründeter bass, dass man an keiner stelle des unterhaltsamen konzerts die empfindung hatte, hier würde etwas fehlen. "long gone" wird schon früh zum einheizer. die stimme gen himmel, kehlig und belegt setzt an, das banjo kickt nach und blendet mit flinkem spiel, alsbald folgt der rest der truppe.


der dichte sound befällt das rund. schnell setzt sich die versammelte meute in bewegung. the dead south begeistern mit schmissigen melodien, die sich bereits in der eigenen dna vermuten ließen. weil sie so einträglich sind? weil sie instrumentiert sind, wie sie seit jahrhunderten bespielt werden? vielleicht. auf jeden fall weil sie mit schmiss und freude dargeboten wurden, weil nate hilts eine stimme besitzt, die sofort unter die haut geht, weil colton crawford seinem banjo leuchtende töne abringt, weil scott pringle für unvergessliche harmonien sorgt und weil danny kenyon immer wieder seinen bass zum cello verdreht und einige blendermelodien zum besten gibt. könnte man also "the recap" feiern, denn es vereint alle diese elemente, dann wäre das ein guter moment gewesen, um eine party im glitterhouserund zu starten. regina, saskatchewan, ist zwar ewig weit weg, aber der vierer hat es uns ganz nah gebracht. mit einer musik, die unentwegt über die grasnarbe, über den feldrain hinaus will. und wollen wir das nicht alle? so hüpften, stampften, tanzten die mutigen, umarmten sich die weniger bewegungsfreudigen, grinsten die geniesser. ach ja, kleinod: "house of the rising sun", zunächst zahm und mit schnellem wiedererkennungswert, alsbald in einer flotten, berauschten version!



auch the great bertholinis sind alte bekannte des festes. wie gewohnt in voller kampfstärke antretend, hatten die franken instrumente noch und nöcher im gepäck. groß- und kleinakustikgitarre, die elektrische ebenso, das e-piano, die vielfachen blechbläser, den standup-bass... entsprechend voluminös war das soundbild. das forcierte set wollen wir bebildert sehen. denn eingetaucht sind wir in diese klanglandschaft, die bei aller stilistischen breite stets homogen, wie aus einem guss wirkt.


es war der später nachmittag, frühe abend, ein erstes durchschnaufen angesichts einer großen menge an eindrücken. eintauchen in den sound, der so hochmotiviert von der bühne schwappte, ein wenig wegdriften, sich mitnehmen lassen. sich in der kleinteiligkeit verlieren, die die vielköpfige truppe darbietet, sich im zusammenschluss wiederfinden, der stets gelingt. das ist hier die hohe kunst. kein unentwegtes vorwärts, ihm ist ein stetes rekapitulieren immanent, als müsste man sich immer wieder vergewissern, doch noch auf dem richtigen pfad zu sein.


diesmal schafften wir es endlich auch mal zur minibühne, auf der das noch junge schwedische projekt cub & wolf agierte. zwei kurze auftritte, bei denen man alte bekannte bewundern durfte, die hier in neuer kombination zueinander, miteinander antraten. zunächst haben wir da linus lindvall und dante ekfeldt von golden kanine, dann mattias larsson von grant creon und schließlich den jungen anton linderoth von club k. mit ihrem ersten album auf stargazer können die vier bereits hausieren, ein zweites album sei in der mache. davon sicher im laufe des jahres mehr. der kurze auftritt zeichnete sich durch eine fein austarierte instrumentierung aus, die jeden klangapparat zur geltung brachte, sei es das polternde schlagzeug, die stichigen gitarren, der umtriebige bass oder das kleine piano, dem man neben den vertrauten auch einige exzentrische töne entlockte. zugleich setzte der vierer darauf, die soundelemente wieder zusammenzuführen, meist kulminierte dies in einem ausgelassenen, wenngleich kontrollierten ausbruch. dabei tauschte die runde fließig die instrumente, bis auf den bass wurde ein jedes an die bandmitglieder mindestens einmal weiter gereicht. es war ein lustvolles set, das die leidenschaft der musiker in den vordergrund stellte, die die etwas eingeschränkten bedingungen der minibühne mit gelassenheit nahmen und ihr publikum mit leichter hand banden.


rocky votolato mit band ist doch eher ungewohnt, aber sie füllt den rahmen, den der singer/songwriter vorgibt. sie verstärkt die ohnehin schon große ausdruckskraft, verleiht dynamik, setzt akzente, die der amerikaner nicht selbst setzen könnte. blicken wir nur auf den manischen schlagzeuger, der eher wie ein vernachlässigter computernerd ausschaut, denn wie ein gewiefter musiker. er bearbeitet die trommelfelle wie ein derwisch, dabei beheizt er lediglich die musik, er erschlägt sie keineswegs. da ist außerdem der fleißige gitarrist zur rechten zu nennen. der so wertvolle einschübe vorzunehmen in der lage war. mal glitzernd, dann wieder mit schmackes, stets abrundend, was der frontmann an ersten details zur verfügung stellte. rocky votolato begeisterte mit einem set, das so sehr melodiegetränkt ist, dass man es schlageresk nennen wollte, doch drückt sich darin wohl eher der neid aus, woher er all die wundervollen töne hervorzaubert.


ungewöhnlich wie er dort in hemdsärmliger art, bemützt auf der bühne steht und wenig ringend seinen melodien freien laufen lassen kann. dass diese sofort beim publikum zünden, ist keine frage. wer nicht schon vor der bühne stand, den lockten schließlich diese noten nach vorn. die hin und wieder hinzugezogene mundharmonika sorgte zusätzlich für eine einträgliche stimmung. der konzentrierte, ausbalancierte auftritt verhalf dem aus seattle stammenden und mittlerweile unter glitterhouse records flagge reisenden sicher zu einigen neuen fans. die eindringlichkeit, die souveränität genauso wie überzeugungskraft transportierte, wirkte verbindlich, für alle seiten. und wenn seinem gesicht ein lächeln entsprang und wenn er sich bedankte, dann lugte gar ein wenig sonne zwischen den wolken hindurch.


mit east cameron folkcore aus austin ging der zweite festivaltag langsam seinem ende entgegen. dass dies fulminant geschah, dafür sorgte eine vielköpfige band, die sich auf der bühne zielgerichtet austobte. mit eingeschobenen samples von reden berühmter aktivisten ergänzte man eine folkpunkige performance mit aussage. jegliches globale problem findet seine erwähnung, zuvorderst aber wenden sich die punkfolker gegen unterdrückung, ausbeutung, machtmissbrauch. unterhaltsam geschieht das, aber nie ohne den notwendigen nachdruck. dafür wird das aufstachelnde schlagwerk nebst einem extrovertierten bass verpflichtet, hinzu fügen sich die diversen instrumente, die in einen chor der aktivisten einstimmen. überbordend, krachend zuweilen, in exstase aufgehend, was dort oben auf der bühne geschah, gemahnte an eine apokalyptische aufführung, als wähnte man sich dem nahen ende.


vielleicht aber ist genau dies die richtige ausdrucksform, um noch jemanden zu erreichen, um aufzurütteln, da das letzte stündlein naht. die trompeten von jericho bliesen den marsch, die stromgitarren wiesen den weg, das e-piano jauchzte das willkommene heil. die brandung zischte in das überraschte auditorium, die gischt zischte zwischen die reihen und ließ ein nass betropftes publikum zurück. 

Mittwoch, Mai 27, 2015

konzert: orange blossom special festival 19, teil 3


musée mécanique sorgten für einen einvernehmlichen abschluss des ersten festivaltags. die portlander band um die beiden songwriter micah rabwin und sean ogilvie entfachte einen ganz eigenen zauber. ihr einlullender folk korrespondierte hervorragend mit dem lumineszierenden licht der vielfachen beleuchtungskörper. etwas diffus und in uneindeutigkeit beständig, in der schwebe haltend und gleichmut erzeugend. nach all der aufregung der letzten bands war dies ein perfekter downer. die synthies trugen verantwortung für den soundbogen, das e-piano für den harmoniesegen, die akustische gitarre für akzente und das dynamische schlagzeugspiel brachte eine wohltuende belebung mit ein. rabwin und ogilvie wechselten sich am mikrofon regelmäßig ab und sorgten für unterschiedliche stimmliche klangfarben.


hier etwas lichter, dort etwas geerdeter. beiden ist gemein, dass sie sich tauglich zeigen für eine musik, die so sacht und sorgsam gestaltet ist, so einvernehmlich und bedacht vorgetragen wird. hier brauchte es keine waghalsigen gemüter, es genügt der sparsame angang, der sich an das formschöne setzen von note für note bindet. wenn die ausgestalteten songs dann allerdings an größe zunehmen, anschwellen, anheben, wenn die refrains in hymnischer form gestalt annehmen, dann, ja dann können auch die gesangsorgane ausgefahren werden, volumen zeigen. die performance des vierers wurde so zu einer demonstration einer spielart, die noch lange nicht ausgedient hat. bereits totgesagt, weitet sie die stilgrenze ein ums andere mal. musée mécanique haben dies erst jüngst mit ihrem album "from shores of sleep" bewiesen, von dem ein großteil der dargebotenen lieder stammte. formschönheit gepaart mit akkuratesse.


am ersten tag tummelte sich alice phoebe lou zweimal auf der minibühne. wir haben sie leider verpasst, können uns aber sehr gut vorstellen, dass sie sich viele freunde gemacht haben wird. an anderer stelle wird man sicher auch von ihr lesen können.


weiter geht es mit dem zweiten tag, der bereits um halb zwölf zu beginnen gewillt war.
als ich vor vielen jahren im interview nach aussagen gierte, stand doch nie im raum, dass man sich in weiter ferne mal von angesicht zu angesicht gegenüber stehen würde. dem damals aktuellen musikgeschehen entfremdet, sollten sich die bühnen noch zieren, jessica und co. zu empfangen. doch die jahre gingen ins land, der blues wurde gebundener, die anstellung im rock publikumsfreundlicher, die booker wacher, die label beschäftigter mit she keeps bees. dominiert von einer sängerin, die mehrerer gangarten mächtig ist, entfaltet sich musik weniger in den raum, als direkt im hörer. wie wind durch die nasenlöcher saugt man den reifen geruch in tönen ein, dass im inneren eines jede aufnahmebereiten eine entpuppung stattfindet. musik breitet sich aus und umarmt die organe, verbündet sich mit dem kapillarsystem und hat längst die bereiche überwunden, die einen schutzpanzer bildeten, um ungerührt, unberührt zu bleiben.


jessica larrabee kickt ass die distanz in windeseile. sie hält einfach ein plauderstündchen, macht witze, ziert sich ein wenig, kokettiert. ist es warm genug, um sich auszuziehen? warum kann sie die pedalseinstellungen nicht sehen, die sonne blendet zu sehr. endlich sind die fotografen weg. ständig habe sie angst, dass man die unreinheiten in ihrem gesicht entdecken könnte, man sollte auf photoshop setzen. auf tour sei die persönliche sauberkeit sowieso zweirangig. und so weiter. plötzlich setzt sie wieder auf musik und zwingt sich in ein knochentrockenes konzept aus pointiertem schlagwerk dank ihres partners andy laplant, aus einigen akzentuierten pianotupfern (ein neues, junges, weibliches bandmitglied bedient das instrument) und aus griffiger gitarrenschule, von der hand jessica larrabees höchstselbst.


dem voran steht aber ein gesang, der so eindringlich wie alsbald berauschend ist. kaum zu glauben, dass der dreier derart hohe bindungstreue verspricht. zu einfach die konstellation, wähnt man. doch die stumpfen akkorde, die maßgenauen anschläge, die sehnigen harmonien sprechen eine andere sprache. der spielarten viele breitet sich eine musikalische landschaft aus. man bedenke den verhaltenen groove von "breezy", da jessica die worte von den lippen kippten, oder den stampfer von "all or none/dark horse", den die frontfrau zunächst freihändig intoniert, oder "owl", dieses besinnliche strickmuster. jessi, will man rufen, häng diesem, häng jenem ton nach, halt an ihm fest. zu schön, wie sie mit diesem festen, starken organ auf den noten nagte. wunderbar!


husky waren die zweite band an diesem tag. die truppe konstituiert sich rund um die köpfe husky gawenda und gideo preiss, die an ihrer seite jules pascoe (bass) und aaron light (drums) wissen. sie spielten einen gemäßigten folk, stilistisch in einer rockformation aufgehend, einwandfrei. der bass fleißig, präsent und zuweilen stiffelig, das drumming behend, dabei pointiert und farben und durchaus treibend, wenn sích die gedeckten hymnen der australier erheben wollten.


die orgel jauchzte dann, des sängers stimme brach aus und empfing dafür ihren segen. doch kontrolliert blieb es allemal, zu sehr ist das ensemble auf perfektion getrimmt, ohne dass es schaden nehmen würde. im kollektiv bleibt man dicht beieinander und fährt die melodien gemeinsam ein, bringt sie in ein unstrittiges muster, eine fibel, aus der jeder lesen kann, die aber nicht jeder erstellen könnte. etwas unverfänglich sei die musikalie, meinte man, doch die schönheit, die klarheit, die reinheit dieses ausdrucks ringt respekt ab. der gesang ist frei, etwas zurückhaltend, das piano bebildert, transparent und aufgeräumt, und jammert, wenn es jammern muss, mit den anderen im chor. handclaps, rasseln und andere diverse perkussionsinstrumente werden hervorgeholt, wenn es verlangt wird, und das publikum erhält eine einladung zum mittun. die wurde gern angenommen. es war ein vermeintlich unscheinbares konzert, doch mit größe und mit selten angetroffener ausgewogenheit. auch das hat seinen reiz.


doch was wenig später baby in vain abzogen, rüttelte die gemeinde ordentlich auf. zumal man wohl damit nicht gerecht hatte. der dreier aus dänemark zog eine show der besonderen art vom leder. lola hammerich, andrea thuesen und benedicte pierleoni, so die hauptakteure, brachen die dämme mit einer fiebrig überbordenden mischung aus stonerrock, grunge bis hin zu sattem metal. derart dreckig und höllisch brisant hatte man eine mädelsdreierbande lange nicht erlebt. die gitarren wurden aufgerissen und in feinster manier aufgeschraubt, die riffs fetzten ins auditorium wie salven einer scutrakete. dazu gesellte sich ein gesang, der einem trunkenen kerl gut gestanden hätte, aber den verzerrten gesichtszügen einer jungen dänin entstammte. bis man sich ein wenig auf die konzeptionellen gegebenheiten eingestellt hatte, drosch bereits der dritte song aus den brüllgitarren mit feister unterstützung einer schießbude, von der her es krachte, blecherte und lärmte, dass es eine schau war.


wenn einmal innegehalten wurde, dann war es ein kurzes durchschnaufen, die drumsticks hölzerten auf, die gitarren gniedelten sich in eine temporäre trance, um alsbald mit etwaigen vorahnungen aufzuräumen. hier eine giftige, dort eine garstige, nicht unähnlich den gesangsstimmen der beiden damen da in der front. während auf der einen gitarre bassläufe befeuert wurden, sendete die andere melodiefetzen. im kreischen schien sich eine art erholung zu verstecken. ein wahnsinn! wer allerdings meinte, derart ungeschlachte musik käme beim publikum nicht an, der hatte sich geschnitten. baby in vain wurden mit begeisterung aufgenommen!