Mittwoch, Mai 25, 2011

neue töne (986): jozef van wissem

mein bloggerfreund aus paris, der gute oliver, und ich, der einsame, im oberbayerischen hinterland verlassene schreibfreudige kamen uns in der vergangenheit immer wieder auf kreuzungen über den weg. hatte ich über einen künstler geschrieben, durfte oliver ihn auf einer bühne seiner wahlheimatstadt sehen. lernte ich jemanden kennen, der von oliver nach einem konzertbesuch abgelichtet und vortrefflich skizziert wurde, nahm ich mich seiner an, um neuerlich nachzustellen. selten, dass der eine den vom anderen benannten nicht auf irgendeine weise bereits kannte, gar gesehen hatte. die seltenen male, da wir uns gegenseitig überraschten sind an einer hand abzuzählen. doch dem austausch tat dies keinen abbruch, die musikwelt ist voller überraschungen und immer wieder neuer helden. jozef van wissem ist so einer, wenngleich er seit mehr als einem jahrzehnt musik aufnimmt. in olivers wohnzimmer hat er bereits gespielt, auf dem klienicum fand er bis dato nicht statt.

jozef van wissem spielt laute und hat sich damit ein alleinstellungsmerkmal zugeeignet, wie es aussagekräftiger kaum sein könnte. er gehört darüber hinaus zu den wenigen, die mit diesem instrument den brückenschlag vom 17. ins 21. jahrhundert wagen. denn die musik, die van wissem kreiert ist neben aller außergewöhnlichkeit modern, weil zeitlos. seine vom barock und der renaissance beeindruckte instrumentalarbeit arbeitet sich an den unterschiedlichsten strategien ab, an improvisatorischen, experimentellen über minimalistische konzepte bis hin zu hypnotischen klangmalereien. das stets hohe maß an intensität erreicht er durch spielerische brillanz und beimengungen wie field recordings oder technische finessen (bspw. das rückwärts abspielen von gerade aufgenommenem). wer sich auf van wissem einlässt, muss neben einem langen atem auch eine lust verspüren, in sich selbst schauen zu wollen. denn die häufig mäandernden stücke zielen immer auf einen selbst. die hörerfahrung gleicht einer therapeutischen sitzung, die hohe anziehungskraft des spiels von van wissem entspricht einem tiefen sog, in dessen strudeln man halt finden oder sich verlieren kann.

mit "the joy that never ends" legt der holländer nun ein neues album vor. am 24. mai erschien auf important records der "ex patris" nachfolger, dem vielgelobten letzten werk van wissems (ebenfalls important records). das sechs tracks enthaltende werk spult wundersame melodien ab, die sich immer wieder in redundanten kolloraturen wiederfinden. so wird dem glauben an eine songähnliche struktur entschieden entgegen getreten, um den hörer auf eine in keiner weise intendierte reise mitzunehmen. alles scheint offen, jedweder weg begehbar. repetitive muster neben kargem saitenstossen.

mit ca. elf jahren beginnt van wissem mit dem spiel der klassischen gitarre. dass man dabei dem jungen musikanten lautemusik zum spielen vorgibt, ist für ihn in der rückschau ein unding, denn das agieren auf der gitarre bzw. der laute unterscheidet sich enorm. die laute steht der harfe näher. den unterschied zwischen dem gitarre- und dem lautespiel strich josef van wissem in einem interview folgendermaßen heraus: "the right-hand technique is totally different. you strum the open unfretted basses with your thumb. like the left hand on a piano. then you use the rest of the fingers of your right hand to play the chords or melody line. totally different from guitar technique. and then there's the difference in sound [...] ."

musik, die bereinigt wirkt von unbill, unnützem, schlechtem, die klarheit bietet und cinematographische weite. musik, die von unnötigem befreit, jeglichen specks entbunden aufs nackte fleisch reduziert wurde, läutert und entbindet den hörer. von der welt. "the joy that never ends", der opener, glänzt mit offenheit und einer verzückten zwiesprache von rhythmus und melodie, in ergänzung findet sich verwunschener sprechgesang von der wunderbaren jeanne madic. "his is the ecstasy" dreht die spule etwas schneller, bindfäden gleich tauchen die melodischen pattern ab auf einen haufen gleichgesinnter. vielleicht eine der anziehungsstärksten harmonien, die van wissem aus dem hut zaubert. "concerning the beautiful human form after death" sieht den langjährigen freund und bewunderer jim jarmusch im blickpunkt. er spielt einige feedback geladene gitarrenanimationen über den lautezauber. und hinfort. "concerning the precise nature of truth" und "the hearts of the sons are returned to their fathers" runden ein album voller schönheit, sanftheit und kanalisierter getriebenheit ab.

aus mangel an originalen tondokumenten greifen wir auf eine recht frische, bebilderte livedoku zurück, die ein stück des neuen albums aufbietet (ergänzung: gestern abend noch das zweite video hinzufügen können, die redaktion).



Kommentare:

Ahrensfeld hat gesagt…

Informativer Text zu Van Wissem, den ich ebenfalls sehr schätze. Demnächst kommt auch was von seinem Seitenprojekt Heresy Of The Free Spirit.

Oliver Peel hat gesagt…

Danke für die wohlwollenden Worte, Eike! Hinzuzufügen ist aber unbedingt, daß du mich sehr wohl überraschen kannst und zwar regelmäßig. Umgekehrt dürfte dies seltener der Fall sein. Allerdings gehen ja nicht alle deiner vorgestelletn Musiker auf Tour, vor allem wenn sie aus Amerika stammen und keinen Booker in Europa haben.

Zu van Wissem: ich arbeite gerade an einem interessanten Interview, das ich mit ihm geführt habe.