Donnerstag, März 19, 2015

konzert: ryan lee crosby / thisell, 16.03.15

(thisell, ryan lee crosby, soundcheck, photo by klienicum hauskonzerte)

was auch immer sich in dieser welt kreuzt, es eint sich. wenn es guten willens ist, wenn es sich auf den menschlichen fundamenten gegründet sieht. so verwundert es nicht, dass der süden schwedens sich mit dem nordosten amerikas verbündet, um auf gemeinsamer konzertreise durch europa um musikalischen einlass zu bitten. und selbstredend einlass zu finden. denn so wie die geografische vielfalt hoffnung in sich trägt, so weist die genrefreude noch mehr über die horizonte hinaus, die uns einengen und uns bedrängen wollen. so kernen wir aus und laden ein und wie sich die welt in unseren hallen dreht, so dürfen wir uns kreisend sehen in den herzen, köpfen jener, die uns besuchen. still lag das haus gerade noch in eitler umgebung, in quasi fremdem geviert, nah bei und ferne doch von allem, verbundenheit gezügelt, die sich aus den vielfältigen möglichkeiten speist, umgeben, aber nicht mitten drin, da gerät die aus der not geborene enthaltsamkeit in unruh.
begegnungen, die sich flüchtig geben, aber widerstehen, weil sie gebunden sind und nicht lose wie ein frisch geschlüpfter vogel. als wäre man auf bestimmte momente gut, besser vorbereitet. als trüge die frühe entsagung den preis auf prallen reichtum schon in sich. vielleicht ist aber auch einer veranstaltung wie einem hauskonzert die notwendige enge immanent, das unausweichlich bedrängende, die intensive persönlichkeitsnahme. die eigene aufgeregtheit ergänzt sich um jene der anderen, das entscheidende momentum zum für und wider zerbirst unter gegenseitiger empathie und eröffnet mit schwung den gemeinsam zu gehenden kurzen weg.
wenn sich so früh spannungen legen, wirkt alles andere wie ein kinderspiel, die verabredungen sind getroffen, noch bevor man sie ausgesprochen hat, die hilfestellungen, die kleinen gesten mit der kundigkeit eines wahrhaftig wahrgenommenen augenblicks. das erdet und beschwingt, vermittelt den gedanken auf völkerverständigung auf nicht nur eindringlichste, sondern zugleich simpelste weise.
und was pathetisch klingen mag, ist im kern die wesenheit, auf der wir unseren erfolg und/oder unseren ruin erbauen, zeigt auf, wozu wir fähig oder eben nicht in der lage sind.

wer auch immer noch oder in naher zukunft die möglichkeit haben sollte (tourdaten aktuell: klick), sich ryan lee crosby oder thisell ins haus, in den club zu laden, sollte dies tun. denn er wird nicht nur versierte musiker antreffen dürfen, sondern vor allem liebenswerte menschen. eine natürliche freundlichkeit, höflichkeit, zuvorkommenheit ausstrahlend, die sich lebhaft in der ausübung ihres handwerks widerspiegelt, kennzeichnet die vier. wie sich nach und nach die unterschiedlichen charaktere herausschälten, durfte man beobachten, mehr noch erahnen, für ein darüber hinaus war die zeit zu knapp. konstatieren wir eine entspanntheit, die lediglich im angang zum konzert nachließ.

(ryan lee crosby, photos by klienicum hauskonzerte)

beginnend mit ryan lee crosby aus boston drängte sich das publikum zum zentrum des geschehens hin und bewunderte einen jungen mann, der den großen nacheiferte. skip james, robert johnson waren nicht umsonst die urheber der ersten beiden dargebotenen songs. tief schürfend, nicht nur aus dem reichtum der jahre überdauernden lieder, sondern auch aus sich heraus, bestätigte ryan die nachwirkende präsenz des blues, seiner präsentatoren und seiner aktualität, ausdruck verleihend in einem gegründeten, wie leidenschaft gezügelten vortrag. von der kopfstimme wechselnd in den brustgesang belebte ryan zusehends die beschriebenen bilder und mutmaßte längst nicht mehr, sondern belegte. nicht zuletzt mit der ergänzung um eigene songs, die sich auch auf seinem letzten tonträger "busker on the broad highway" finden lassen. so blühte der "institution blues" oder der "winter hill blues" auf, immer wieder gekreuzt von launigen vorträgen inkl. erklärungen, ergänzungen. dabei zückte der amerikaner mal die akustische, mal die zwölfsaitige gitarre. vor allem letzterer entlockte er dabei ganz zauberhafte sounds. wie er sich überhaupt am holz auszeichnete. seine griffe wechselten im sekundentakt, die strebsamen harmonien wickelten sich um den steten beat und bildeten mit ihm eine einheit. ryan verstand es zudem harmonie- und motivwechsel hinzulegen, dass es einen schauderte. dem instrumellen handwerk fügte er eine einzigartige gesangstechnik hinzu, die sich zum beispiel dadurch auszeichnete, dass er gutturale töne ausspuckte, während der den mund weit zu einem großen 'o' öffnete oder eben dem falsett frönte, aus dem er in dunkle tiefen stieß. ein einnehmender wie willkommener vortrag und erhebender einstieg in den konzertabend, den er uns bot. seine zögerliche, introvertierte art lobte das auditorium mit reichlich beifall.

(thisell, photo by klienicum hauskonzerte)

nach einer zugabe (einem nico-cover, ratet nur, welches...) traten thisell an. in form von sänger und songschreiber peter thisell, der seiner körperlichen präsenz kaum mehr vorschub leisten musste, um in gänze wahrgenommen zu werden, daneben marcus svensson am bass und anton linderoth an der e-gitarre an. während peter mittels akustischer gitarre gemeinsam mit marcus die rhythmische konstante bildete, markierte anton die melodischen feinheiten, ließ still und leise ein solo einfliessen, blieb für die harmonieoffenheit des trios aber wesentliche stütze. mit "I" gibt es einen longplayer, aus dem die schweden gern zitierten, ergänzt um zwei neue songs, die sich noch in der live-testphase befanden, aber versiert die instrumente und das gesangsorgan peters verließen. jenes offerierte den abend über eine stärke, die sich nicht beweisen musste, sondern die um ihre angeschlagenheit, um die möglichkeit der schwäche weiß. so entgleist sie in den höhen, stößt an und weidet nie geruhsam auf satten wiesen. stets verlangen die songs den ganzen kerl, eine halbe miete wird nie eingefahren. einfach machen es sich thisell wahrlich nicht. oft genug dreht sich die harmonie in schlichten, zögerlichen walzerkreiseln voran und jeder note wird die gegenwart gegenüber gestellt. kein ausweichen möglich, kein fehler, der nicht identifizierbar wäre. doch das trio bewies sich in jeder sekunde, bildete eine stabile einheit und belegte die kleine heimstatt mit einem sound, der das dunkle, tief bewaldete schweden mit dem unwegsamen, mit gebirgen versehenen amerika verband. die beseelten melodien ließen sich herab als segensreiches, einendes gut. das konzentrierte publikum wurde benetzt und hielt sich zumindest in gedanken bei den händen.

(thisell, photos by gerhard emmer)

die intensität der gemeinsamen erfahrung geht unter die haut, weit unter subcutanes gewebe. vielleicht bildet sie dort etwas, was bleibt. was für jeden identifizierbar bleibt, der dabei war oder der etwas ähnliches erlebt hat. man wechselt plötzlich die straßenseite, weil man magnetisch angezogen wird und dort streift man jemanden und verspürt für einen moment so etwas wie heilung. wenn es eine art zahnreinigung für die seele gäbe, dann wäre es solch ein konzertabend. es wird geputzt und gewienert, aufgeräumt, vielleicht umgestellt und neu postiert. aber nachher fühlt man sich wohler denn je.

thank you ryan, thank you peter, thank you anton, thank you marcus!


Kommentare:

Gudrun hat gesagt…

Ich kann nur bestätigen, dass Peter Thisell mit seinen zwei Mitmusikern wohl die nettesten Gäste waren, die wir jemals hatten (und das sollte in Summe schon so auf die 100 rauskommen).

E. hat gesagt…

höflich, zuvorkommend, aufmerksam. jawohl. kann man sich nicht besser wünschen.

E. hat gesagt…

nachtrag, gudrun: sie gaben die komplimente in sachen deiner/Eurer gastfreundschaft aber mit mindestens gleicher münze zurück.

gerhardemmer hat gesagt…

Sehr schöner Bericht über einen wunderbaren Abend !!
Viele Grüße + vielen Dank,
Gerhard
https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/2015/03/18/ryan-lee-crosby-thisell-klienicum-hauskonzerte-ampfing-2015-03-16/