mit den los angelitos von the molochs wird mal ordentlich die zeit zurückgedreht. die ersten beiden tracks, nennen wir sie singleauskopplungen, sind bereits verfügbar, wenngleich es das zweite album der band erst mitte januar in gänze zu hören werden gibt. "no more cryin'" ist eine fast schon lupenreine britische sixtiesnummer. doch das album selbst wird mit "america’s velvet glory" überschrieben sein. erscheinen wird es auf innovative leisure. der zweite track hört auf "you and me" und ist eine unverblümte ode an die liebe. der janglepop ergänzt die bandbreite der band.
Mittwoch, Dezember 21, 2016
eingestreut (1011): léonore boulanger & maam-li merati
okraina records hat im november, leider passiert das bei so kleinen labels häufig mehr oder weniger unter ausschluss der öffentlichkeit, eine wunderbare zusammenarbeit zweier außergewöhnlicher künstler veröffentlicht. die rede ist vom album "la maison d'amour", für welches vornehmlich léonore boulanger und maam-li merati verantwortlich zeichnen. erstere hatten wir erst vor kurzem mit dem letzten ihrer bis dato drei longplayer vorgestellt. der andere ist der in kermanshah geborene und im heimatland weit bekannte iranische musiker. die beiden trafen sich während eines konzerts von alim qasimov und verabredeten schließlich eine zusammenarbeit. im frühjahr 2015 wurden erste gesänge aufgenommen, die später nach und nach ergänzt wurden, insbesondere der instrumentelle einsatz erfolgte mit zeitlicher verzögerung. umso erstaunlicher wie organisch die aufnahmen klingen. die arabische note, die fremden sounds, die wirkung verfehlen diese lieder nicht. der tradition verbunden und doch an der moderne entzündet. die doppel 10inch wird auf der b- und d- seite von matthieu ferrandez ergänzt, einem kirchenorganisten und harmonium spieler. mir gefallen diese, der westlichen welt zugewandten titel etwas besser, vielleicht weil sie vertrauter klingen. insgesamt aber sind diese aufnahmen eine wucht.
die mitwirkenden:
léonore boulanger: vocals
maam-li merati: vocals, kamancheh, setar
matthieu ferrandez: harmonium, organ
jean-daniel botta: bendir, n'goni
Dienstag, Dezember 20, 2016
neue töne (1703): maxim ananyev
photo by alexandra perova
musik für ein scheidendes jahr? oder eher für ein beginnendes? die entscheidung lag dieser tage auf der waage. sie schlug aus. maxim ananyev sucht eine musikalische schnittstelle zwischen gitarrenmusik und ambienter elektronik und findet eine ganz eigene mixtur, die sich vorerst namenlos verdient macht. auf seinem neuen album "communication", einer acht nummern umfassenden kompilation, bestechen zunächst die flächigen sounds, die sich gern von pianoeinsprengseln ergänzen lassen. doch alsbald drängen sich die elektrische gitarre oder eine mandoline hinzu. das beiwerk wird konsequent in den komplementärraum gedrängt. tracks wie "river" bleiben vorerst fast vollständig für sich. ein flinkes saitenspiel erhält lediglich klangergänzungen und glänzt wie eine frisch geschälte orange in einem vollständig weißen raum. erst in der folge fügen sich mehr und mehr elektronische habseligkeiten bei. die präzise ausgeführten songs sind eine wohltat. ihr werden und vergehen ist teil des erlebnisprozesses, die schichten werden angelegt und wieder genommen, das chaotische wird geordnet.
längst hätte das album auch anders ausfallen können, weiß ananyev später. nachdem er sein album mehrfach gehört hatte, gibt er zu, dass bestimme passagen vollkommen gegensätzlich zueinander gefügt werden könnten, texturen komplett neu verhandelt werden könnten, einiges, das in den hintergrund gedrängt war, vielleicht direkter angespielt sein sollte. doch dem austausch, um den es dem musiker aus st. petersburg geht, ist es immanent, dass es momente der improvisation gibt, dass die gefühle zeitweilig die szenerie beherrschen, dass situationen entscheiden.
max ananyev ist in russland mit seinen arbeiten kein unbekannter. er hat unter dem moniker tree bosier gearbeitet, war in verschiedensten genres daheim, vom garage bis hin zum dreampop. vielleicht aber hat er nun mit diesem album seinem losen dasein einen ruhepol verpasst. die intensive auseinandersetzung mit der natur und ihren gebährden, die sich nicht zuletzt in der namensgebung der einzelnen tracks wiederfindet, die aber auch der tonalen formensprache entsprechen mag, geben mehr als zeichen. die originalität ist hier kein selbstzweck.
das album erschien ende november auf dem britischen preserved sound, das auch schon für veröffentlichungen von endless melancholy, ancient colours oder western skies motel verantwortlich zeichnete.
Montag, Dezember 19, 2016
glotzt nicht so romantisch (752): frontier ruckus
mehr brauchts nicht. diese gesangsstimme, das banjo, die hammond, eine vertraute popnote weht durch den folk dieser lieblingsband, die im neuen jahr wieder veröffentlichen wird, das nachfolgende "27 dollars" stammt doch glatt vom "enter the kingdom" getauften 2017er, dem bereits fünten album von: frontier ruckus:
neue töne (1702): alex archibald
photo by goske omori
bereits die ersten töne, die ich bis dahin je von alex archibald hörte, begeisterten mich so sehr, dass ich am liebsten sofort die tastatur bedient hätte. doch was schreibst du über ein zwar liquides, fast schon malerisches spiel, wenn du über den kerl, der es auf seiner gitarre zaubert, nichts weißt? er ist amerikaner, lebt in kanada, bekommen wir raus, und bietet auf seiner bandcamp seite einige alben an, für die er bereits verantwortlich zeichnet. sein ausdrucksspielraum ist offen, lässt vieles zu, ist weder beschränkt auf den american primitive, dem ich zunächst begegnete, nicht auf den trockenen raga, nicht auf das besinnungsfreudige banjospiel, zu dem er sich gelegentlich hingezogen fühlt, aber auch nicht auf eine beständige interpretation seiner lieder im zusammenspiel mit kollegen, begleitet von einem piano etwa, wie er es in zwei beispielen auf dem neuen album geschehen lässt.
archibald legte vor kurzem mit "the ferryman's fee" ein elf songs umfassendes werk vor, das die stilistische breite aufnimmt und am ende doch das bewußtsein für das freie gitarrenspiel schärft. denn das ist so präsent und eindringlich, so fordernd und belebt, dass es die volle konzentration beansprucht. da sind die flirrenden passagen, da die saiten wie junge flöhe hüpfen, da sind die lyrischen momente, benetzt mit dem tau von melancholie, da sind augenblicke, da die welt inne zu halten scheint.
schon der opener "sign of the yellow whale" entledigt sich sämtlicher vorbehalte und brilliert mit gegründetem spiel, mit einer frohlockenden, narrativen note, ist frei und offen und dabei voller dynamik und präsenz. "crickets to kendra" wird mit klavierbegleitung zu einer entspannten ragtime nummer, doch schon mit "woodsmoke in the street" kehren wir zum kargen folk zurück, das open back five string banjo gibt sich im solo hin. der titeltrack gerät zu einer wärmenden kaminnummer, zu der das coverfoto bestens passte. sich wiederholende melodische momente werfen das seil, an das man sich sehr gern binden lässt. die gefangennahme ist aber längst viel früher geschehen. es finden sich fürderhin blues inspirierte lieder, liveaufnahmen, die so wunderbar die offenen strukturen dieser musik repräsentieren, es findet sich die stille weise, der blasse folk, aber auch das freie aufspiel, die improvisation. das album ist voller überraschungen, voller stilistischer wendungen und kann doch jederzeit archibald verbindlich zugeschrieben werden. ein glückfalls in allen belangen. erwerben kann man es über die bandcamp seite des künstlers sowohl als cd, aber auch in digitaler form.
Sonntag, Dezember 18, 2016
neue töne (1701): postman
erst hatte ich an etwas durchtriebenes gedacht, dann an etwas betont aggressives, der interpretationsspielraum war plötzlich offen. auch wenn nur die provinz vorspielt und die farben deutlich gedeckt aufgetragen wurden, die konturen sind piekfein nachgezogen.
postman stammen aus linz und führen mit "there", ihrem debütalbum auf epileptic media, seit september dieses jahres in neue postpunkwelten ein.
die verletzlichkeit ist trotz der hoch geworfenen rockschösse, oder gerade wegen, so immanent. da kannst du noch so verbissen glotzen, da kannst du noch so kühl blicken, verstellen ist spätestens dann nicht mehr, wenn sich der ausdruck überm tönen verweichlicht. die transporteure sind saitenscheuern, stolpernde beats, ein casioeiern und propagandagesang.
die vier musiker sollen sich auch in der welt der architektur beweisen können. wer richtig hinhört, betritt auch hier konstruktionen.
die stilsoße ist blass angemischt, aber einträglich, denn schließlich will satt werden, wer hier zugreift. ein haarriss im klangkörper. er spaltet die zeit. öffentlich wird, was durchdringt. was blendet sind die hellen töne. dissonanzen, die freundlich blicken. adjutanten, die auf offiziersränge schielen.
ein müdes winken aus dem auditorium. wir schleppen uns durch halbleiter. der kühle hauch der achtziger, ein naschen am geist der neunziger, ausflüge in puttige zeitenwende, die strenge wertmaßstäbe setzte. nur blender eben nicht.
die zwölf tracks sind allesamt einheimser, mit dem potential von erstlingen, unbekümmert, originell, ungezwungen von der leine gelassen. dabei gern manisch, aber nie überbordend, die linienführung klar, irgendwie... bauhaus. von minimal bis gassenhauer, von giftig bis elektroschiefe, von skaanleihen zu pop. himmel?! linz!
Samstag, Dezember 17, 2016
eingestreut (1010): samuel regan
über das kleine, in tulsa beheimatete label unknown tone records nähern wir uns dem musiker samuel regan, der erst kürzlich sein neues album vorlegen konnte. "stil de grain" heißt es und enthält einige sakral formulierte tracks, die traumwandlerisch zwischen den welten hin und her zu schweben scheinen. in einer welt, die sich so abseitig zeigt und die sich vornehmlich mit dingen beschäftigt, die man selbst nur noch auf kleinen bildschirmen verfolgen kann, ist solcherart musik eine wohltat. sie scheint zu erden und weist dennoch fluchtmöglichkeiten auf, sie ist dinghaft und doch auch ätherisch, sie ist verwegen und doch einnehmend genug, um sich ihr anvertrauen zu können.
die einigermaßen abstrakten nummern wirken klassisch, zeitweilig wie direkt aus einer messe heraus, erhaben und mit vollmundigem charakter.
die ästhetik solcher klänge, die staunen machen, wirkt nach und vergeistigt den alltag. orgelträume, synthiephantasien, experimentelle ausflüge und ambiente visionen. gefühlekonfrontation. seine, samuels, mit den unsrigen. und umgekehrt.
Freitag, Dezember 16, 2016
glotzt nicht so romantisch (751): half-handed cloud
leider viel zu kurz ist "antennas extend", ein ausschnitt aus der achts tracks umfassenden "jiminy circuits" ep, die gerade erst auf limitierter 7inch auf plastiq musiq erschienen ist, john ringhofer begleiten wir schon seit langem und begrüßen jede seiner kleinpopkünste mit freude und wohlgefallen: half-handed cloud:
eingestreut (1009): candles
zum anfixen und neugierig machen, hat es hier nicht viel gebraucht. lediglich der lapidare nachsatz "produced by savaging spires" genügte, um aufzudrehen. die vorliegenden acht tracks, am 06. dezember veröffentlicht, werden von einem englischen duo namens candles verantwortet, das frisch gegründete label im rücken der beiden weird walk aber gehört auch zu savaging spires. da liegt die vermutung also nahe, dass diese flüchtigen folksongs auch aus ihrer feder stammen könnten und sogar von ihnen vorgetragen werden. höret die stimmliche ähnlichkeit, auch das sinistre des vortrags würden dem gedanken vorschub leisten. aber nein, die vertrauten gitarrenschleifen sind zwar verhuscht, aber akzentuiert gesetzt. der gesang klammert sich daran wie die katze ans siebte leben. etwas verirrte perkussion ergänzt das notenweichen.
der release des langspielers erfolgt gemeinsam mit house of mountains, die limitierte ausgabe ist reine handarbeit, abgestimmt auf einhundert kopien.
Donnerstag, Dezember 15, 2016
zu gehör getragen (209)
the callas – half kiss half pain (2016)
> erwachsene gitarren arbeiten sich vor einer stabilen rhyhtmusfraktion ab und werfen ein kontemplatives bild auf die mann/frau-gesänge, was saftiger bluesrock kann, wird von aufgeregtem garage gekontert, hier ist nichts geschönt oder aufpoliert, dafür aber exakt herunter buchstabiert, die griechen mit ihrem zweitling, 3-3,5/5
c joynes / nick jonah davis – split electric (2016)
> fast hälftig teilen sich die beiden die tracks auf, nick jonah davis flirtet mal mit desert blues feinheiten, dann wieder bietet er griffige bluesinspirierte passagen auf, c joynes zeichnet sich mit süffigem english folk aus, grandios, beide, 4/5
samara lubelski – the gilded raid (2016)
> wenn es ein album brauchte, um neuerlich die meisterschaft der ausnahmekönnerin zu unterstreichen, dann soll es eben dieses sein, das das neu geschaffene genre psychfolkpop in aller geschliffenheit definiert, 4,5/5
chris cohen – as if apart (2016)
> intuitiver folkpop, der artifiziell und harmonieverliebt track für track um höchstnoten ringt, dabei aber nicht puls und dynamik aus den augen verliert, daran kommt niemand vorbei, der nostalgie und zukunftsvision auf einen nenner bringen will, 4,5/5
neue töne (1700): finglebone
mit finglebone treffen wir auf einen künstler aus salisbury, wiltshire im vereinigten königreich, der eigentlich auf adam varney hört. doch angesichts einer karriere, die ihn bereits über label wie best kept secret tapes oder rural colours oder cold spring führte, bis hin zu einigen liveperformances, kann man sich schon mit dem gedanken eines künstlernamens anfreunden. varney agierte darüber hinaus bereits mit alasdair roberts oder expo 70 oder barn owl auf bühnenbrettern und ist alles in allem also kein unbekannter mehr. mit ca. fünfzehn jahren begann seine reise unter dem moniker finglebone und führte ihn an die gestade von folk und elektronik, immer auch mit einer dynamischen note versehen. nicht zuletzt ist der bursche ein eifriger soundsammler, so dass er stets auf eine größere klangpalette zurückgreifen kann. sollte er an neuem material arbeiten, kann das auch immer bedeuten, dass er ältere werke mit einfliessen lässt.
so ähnlich muss man sich wohl auch den schaffensprozess von "sunlit plumes of dust", welches gerade auf whitelabrecs erschienen ist, vorstellen. die acht enthaltenen tracks sind quasi rückbesinnungen auf bereits vorhandene songs, sind neu inszeniert, neu arrangiert, wie phönix aus der asche erhoben, alle in irgendeiner form miteinander verbunden. und nicht zuletzt, abschließend angeführt, was den hintergrund dieses albums betrifft, beschäftigt sich dieser stileverbund mit der tief schürfenden auseinandersetzung mit dem tod des großvaters, den varney bis zum schluß betreute. hier die angst vor dem ende, dort die wachen, lebendigen zeichen, hier die dementielle entwicklung, dort der packen an nicht zerstörbaren erinnerungen. die finger geifen sacht nach den saiten, ein drone verschwendet sich im hintergrund, ein launiges, wie vermeintlich befriedigendes unterfangen, das hier gelingt. befriedet, wie nach stillem kampf. ein raunen, das in universen fortträgt.
Mittwoch, Dezember 14, 2016
glotzt nicht so romantisch (750): the moondoggies
in eine ganz andere richtung, als das am frühen morgen gepostete video, geht diese nummer, die aber nicht mit weniger freude von uns empfangen wird, denn mit "easy coming" gibt es einen vorboten auf das vierte album der truppe aus seattle, da fällt das gedulden leicht: the moondoggies:
glotzt nicht so romantisch (749): philippe lamy & monologue
den track "les yeux de mezzanotte" entnahm man dem aktuellen album "blue deux", das am 12. dezember auf phinery in tapeform erschienen ist, für die durchaus spukige bebilderung sorgte mónica ferreira, die zu illustrierende, nicht weniger gespenstische muskalie stammt aus der feder einer zusammenarbeit auf distanz zwischen p. lamy und maria rosa sarri, die zu klitternden teile dieser wertvollen tonalen ausarbeitung setzen sich erst im synapsensprung zusammen: philippe lamy & monologue:
Dienstag, Dezember 13, 2016
zu gehör getragen (208)
thisell – II (2016)
> zur reife geronnener psychfolk- saft, der dem americana beine macht, die schweden bezwingen die suche nach der spielart mit einer gelassenheit und sicherheit, die ihnen raum lässt, um songs entstehen und groß werden zu lassen, 4/5
shirley collins – lodestar (2016)
> den enormen zwiespalt, hier die neuen songs, die erinnerungen, der sparsame vortrag, dort die verwitterte stimme, der patina bonus, überwinden helfen einige sehr starke, ungeheuer intensive lieder, die den stellenwert dieser lady auch heute noch unterstreichen, 3,5/5
weaves – s/t (2016)
> wirklich starkes debüt dieser kanadischen poprockband, die sich nicht von suchtversessenen harmonien vereinnahmen lässt, im gegenteil erzeugt die schräglage anziehungs- und strahlkraft und erinnerungswürdige momente, 3,5/5
moses – s/t (2016)
> im september erschien der erstling der australischen band, er konnte passender nicht veröffentlicht werden, die rock-pop-psychedelischen ausflüge ergänzten sich hervorragend mit der sommerpracht aus blende und hitze, 3,5-4/5
neue töne (1699): vargkvint
photo by simon smårs
ihre debüt ep legt sofia nystrand vor, die unter dem künstlernamen vargvint firmiert. "brus", das am 25. november erschien, sei inspiriert von den wäldern, den meeren und der folklore schwedens. es traut sich eine musik, die ihrer wesenheit nach einfach gestaltet und formvollendet gewandet ist, dass man ihren eigentlichen zauber zunächst nicht entdecken mag. der ist versteckt, er ruht ganz innen, wenn man die dünnen decken beiseite geschoben hat, wenn man dem wohlwollenden klängen des harmoniums ausweicht, wenn man dem saumseligen wispern der klaren stimme nystrands den weg frei gibt. dann, schon dann fällt man in eine deutlich komplexere dimension, in der sich die texturen oben genannter elemente streicheln und zueinander finden, in der eine art ehelichung stattfindet, die zu einer melancholischen option führt. hier halt gemacht, kann der hörer folgen und sich tiefer, tiefer führen lassen. ein zögern streckt den moment und basslastiges erdet, ein flüstern nimmt die nostalgische hoffnung. denn das verträumte und verführerische ist nicht ohne unruhe.
fünf tracks umfasst der release, den die stockholmerin auf repartiseraren vorgelegt hat.
Montag, Dezember 12, 2016
eingestreut (1008): aquaserge
schon mal eine launige vorschau auf das kommende neue full length von aquaserge. hatten wir neulich noch die ep in der mache, setzt die französische popband ihren weg nun fort. am 03. februar erscheint via crammed discs "laisse ça être", auf das wir mit einem ersten track sowie einem bebilderten trailer verweisen dürfen. demnächst dann sicher mehr.
die an finessen reiche musik umschmiegt des hörers ohr und bereitet ihm auf vielfache weise freude. erwähnt sei das letzte stück "les plus beaux jours", das sich heiter und beschwingt gibt, ein elastischer rhythmus wird von trompeten begleitet, etwas twang und dazu harmoniegesang, dass engelchen im himmel sich dazu wiegen würden, wenn sie nicht schon alle in dieser band versammelt wären.
aber auch der opener "les zouzes" ist offen für fürwitz und täuschungen und verlockungen. zunächst folkloristisch angehaucht und perkussiv befeuert, entweicht er ins chansoneske, enthält aber genügend jazzigen drive, um als nicht allzu verträumt durchzugehen. im gegenteil gelingt es, die spannung zu halten und im kollektiven reigen stimmungen zu brechen. das klienicum, 08/16
Sonntag, Dezember 11, 2016
konzert: thisell, 09.12.16
neulich gab es, vielleicht aber auch noch anhaltend die ungezügelte diskussion um die beweglichkeit, die tiefe und die nachhaltigkeit der münchner musikszene. ich war nicht nur baff ob der (eingeschränkten) beurteilungsfähigkeit manchen beobachters, sondern auch erstaunt über die häufig negative betrachtung dieses meines erachtens sehr lebendigen objekts. da mangelt es doch eher mal an der distinktionsfähigkeit oder der kritikfähigkeit und erst recht am willen für ein miteinander. aber auch über monopolisierungstendenzen müsste man reden, klar. aber das es anders gehen kann, beweisen offene projekte, die diese stadt immer wieder hervorbringt. so konnte in fürsorglicher kooperation ein konzertabend im schönen sendling organisiert werden, nachdem die schweden thisell nach einem auftrittsort in der bayerischen hauptstadt suchten, für den direkten weg nach italien ward es zu weit. die galerie gut (danke denis!) und zwei musikblogger (danke gerhard!) hockten sich spontan und virtuell zusammen und entspannten einen feinen faden, an dem sich ort, zeit und einladungen platzieren ließen. am ende fuhren die drei musiker auf den hof und gut zwanzig lauschfreudige harrten ihrer.
dass wir einen wirklich wunderbaren ort gefunden hatten, merkten wir erst, als die lichter ausgingen, die nacht sich über die stadt befahl und der kleine galerieraum seine ganze herrlichkeit entfalten konnte. die schlichten und doch wirkungsgewaltigen lichtinstallationen, die an mehreren punkten des raums aufgehängt waren, beherrschten das rund auf das eindrücklichste.
während also über uns planetare welten kreisten, farben muntere spiele trieben, während visuelle ein-drücke entstanden, zauderte vorn das kleine, fast schon kammermusikalische ensemble keine sekunde, uns ebenso entführen zu wollen. in der mischung entstand eine wallfahrt, zu der man sich weniger aufgerufen, denn hingerissen fühlte. die welten vereinten sich zu einem sinnlichen genuss, in dessen zentrum noten pulsten und bilder entstanden und vergingen und entstanden und vergingen. alles war in einen zauber eingebunden, von dem man sich nicht lösen wollte. und so wurde die kleine gemeinschaft in eine traumkapsel eingeschlossen und in die umlaufbahn gebracht, um über eine stunde hinaus beglückt zu werden.
die band um den songwriter und sänger peter thisell hatte ein neues album im gepäck, schlicht "II" getauft und mit ebenso melancholischen wie persönlichen liedern bestückt, wie man sie bereits vom erstling gewohnt war. doch strahlten die neuen songs noch mehr tiefe, eine noch größere intensität aus, waren um einiges mehr von der persönlichkeit peters durchdrungen. die zeit ließ nicht nur freude darin zurück, auch die schatten der vergangenheit bahnten sich ihren weg. nicht umsonst, dass ein bild, da die nacht schon durch die fenster des alten schulgebäudes drückt, das cover ziert, während wir auf dem debütalbum noch die sonnenstrahlen entdecken können, die den alten holzfußboden in jenem haus fluten, in welchem die alben einst entstanden waren.
doch es wurde kein abend der trauer und des rückzugs. im gegenteil zeigten sich peter und kollegen voll von leidenschaft, nicht nur zu unterhaltung und zum entertainment, viel mehr um die liebe, die sich vor allem in dem bärtigen burschen da vorn so breit gemacht zu haben schien, anzutragen, sie zum nähren darzureichen, zu teilen. so wie sie ihm zuteil wurde. aus jeder textzeile ließ sich ein glücksmoment pressen, wie ihn nur die sensibelsten aufzunehmen und wieder abzugeben in der lage sind. ein solcher kerl, ein solcher gewinn!
und er hatte auch dieses mal wieder tolle begleiter mitgebracht. einen festen kreis zu etablieren, gelinge ihm nicht, so erzählt er später, weil viele seiner befreundeten kollegn studierten oder arbeiteten, doch ließe sich stets jemand finden, der mit ihm reisen würde und die qualität besitzt, um ihm den rücken zu stärken, die flanke zu schützen. heuer waren dies david odlöw am akkordeon, wechselnd zu bass oder violine und tomas larsson, der für den elektrischen gitarrenglitzer veranwortlich zeichnete. beide agierten mit traumwandlerischer sicherheit im muskalischen konzept thisells. vor allem die violine, die odlöw folkig interpretierte, fügte eine neue note in spiel mit ein.
fast eisig schneidend durchdrang diese wenig griffige und doch unbeirrbare stimme den lichten klangkosmos aus betonender e-gitarre und akkordeongrundierung. ein wenig hookskonditionierung und wir näherten uns einem klassisch anmutenden "will you have me?". tupfend die stille durchstossend und wir ruhten am warm formulierten "if i sing my song". ein flirrender, kaum wahrzunehmender augenblick. vorbei. und schon ging es konzertanter, energischer weiter. und schon entwickelte sich dynamik, die sich in den schattenbildern an den wänden fortsetzte. ein kaleidoscop aus musischen und visuellen effekten. im schunkeltakt von "i know it's true my love for you" in die nacht.
toll, dass solche abende möglich sind. die stadt gibt das her, so viel ist seit vorgestern klar. und es schreit geradezu nach wiederholung. wir arbeiten daran. versprochen.
Samstag, Dezember 10, 2016
eingestreut (1007): joanne robertson & max brand
als teil ihrer ausstellung "poppies" verstehen max brand und joanne robertson die gleichnamige musikalie, die der eröffnung vorausging. der experimentelle ansatz verschwendet sich in mäandernden konstrukten, bebildert phantasmen und giert mittels filigraner, feiner gitarrenzirkulationen um aufmerksamkeit. die mehr als dreistündige aufnahme wurde zu teilen in cornwall aufgenommen, um overdubs versehen und in glasgow vollendet. dort steht auch die gallery of modern art, in welchem brand und robertson seit dem 04. dezember mit großflächigen installationen und malereien zu sehen sind. empfehlung für beides. infos hier: klick.
Freitag, Dezember 09, 2016
konzert: simon joyner, 07.12.16
ein kleiner, kaum gedrungener mann, unscheinbar gekleidet, das karierte hemd, die helle jeans, ein paar passende treter an den füßen. er fiele kaum auf, wäre da nicht dieser breitkrempige schwarze hut auf dem kopf, der ihn als den auszeichnet, der er ist. doch auch sein waches gesicht, die flinken, manchmal etwas unruhigen augen nimmt man wahr. er fixiert nicht, aber beäugt neugierig das rund, kommt immer wieder ins gespräch, lächelt. in sich ruhend ist die passende vokabel für simon joyner. hätte ich ihn scheuer erwartet? stets kollidiert das längst verfasste bild mit der wirklichkeit. erst recht wenn man jemanden so lange begleitet wie den amerikanischen songschmied, der sich endlich wieder die ehre gab, um in münchen aufzuspielen. ausgesucht hatte er sich hierfür glücklicherweise ein stelldichein mit den machern von hauskonzerte com, die nicht nur ein näschen für die passende location besitzen, sondern mittlerweile auch ein publikum um sich scharren, das jedem künstler mit respekt und anerkennung begegnet. findet man auch in dieser stand nicht immer und überall.
als wir an jenem zauberhaften ort, einer art atelier unweit der theresienwiese ankamen, war bereits wuseliges durcheinander zu verzeichnen, die befriedigende unruhe vor einem solchen event. als simon joyner schließlich begann, schied der rest dieser nacht aus, verabschiedete sich gerade zu, denn gefangen nahmen uns nun die lyrischen und die musikalischen parameter des ausnahmemusikers.
die bindung joyners an sein publikum ist zunächst eine lose, als würde er einen übergangsraum zur verfügung stellen, in welchem man sich gewöhnen kann. an diese ganz eigene phrasierung, an den narrativen stil seines vortrags, der punktuell durch melodiöse einschüsse aufgerüttelt wird. sinnbildlich wirft der körper ein schattenbild an die wand, das nicht weniger befremdlich scheint. da fließen die noch frischen "sonny" und "old days" hindurch, die erst 2015 auf "grass, branch & bone" erschienen waren, aber spätestens beim nachfolgenden "last will & testament" wurde man angefasst, als hätte eine knochige hand nach einem gegriffen, dieser feste umschluss, die kühle distanz und die faszination von etwas, was man noch nicht in worte fassen kann.
es herrschte ein gebannte atmosphäre im rund, zögerlich einerseits, neugierig anderseits, was noch kommen würde. als wäre die kapazität noch nicht ausgelastet. aber das ist es, was joyner bietet. weiträumige erzähllandschaften, in denen jeder auf seine weise eine heimstatt finden kann. dazu begleitet er sich filigran an der akustischen gitarre, deren töne sich zu einem sonoren rauschen mit der rauen stimme vereinen. manchmal fühlt es sich an wie bei einem vorlesenden, der die seiten des buches mit besonders lautem rascheln umschlägt. doch die begleitung hat auch ihre ganz besonderen, heiligen momente, das griffbrett wird ausgelastet, die finger eilen von rechts nach links und wieder zurück. das ist pointiert, aber nie um der effekte willen. wie das lose klopfen auf dem korpus, um die stille zu besiegen. mit "you got under my skin" zitiert joyner noch einmal das album aus dem vergangenen jahr, ein song so anmutig und einfach, wie es dieser abseitig beschlagene americana, der die wurzeln der sprache und der gemeinschaft auf seine weise zitiert, darzustellen in der lage sein will.
vor dem konzertbesuch hatte ich mir überlegt, welche songs ich mir wünschen wollte, wenn der künstler danach fragte, denn das praktiziert er mancherorts, und entschied mich für "the only living boy in omaha" und "joy division". ersteren spielte er bereits deutlich vor der zugabe, eine wunderschöne nummer, die so versiert und detailverliebt klingt und am ende nachebbende erinnerung bleibt: "or is there a fire you forgot to touch? is there a heart you never saw? do you think you'd miss it very much if you're the only living boy in omaha?", "joy division" schließlich war programmpunkt nummer eins, als es daran ging, die beiden zugaben einzuläuten, die joyner gewillt war zu geben.
zu diesem zeitpunkt hatte ca. ein drittel der bis dato rund achtzig zuhörer den raum verlassen. luftig ward es zwischen den reihen, die ausgelegten teppiche wurden zu liegewiesen und alles bekam einen für meinen geschmack zu unkonzentrierten charakter. vielleicht mißfiel es auch joyner, der sich jedoch nach meinem dank für dieses intensive konzerterlebnis mit den worten zitieren ließ: "it was easy to dig deep into the songs for such an attentive audience."
meine höhepunkte waren das ruhelose und mit angeganger stimme vorgetragene "alabaster" vom 95iger album "heaven's gate" und das stimmungsvolle "the rain asked for a holiday", mit dem ich im leben nicht gerechnet hatte, spult es doch auf "the lousy dance" (1999) von breiter pianospur. joyner gelang es, die melancholische klangfarbe ins rund zu führen. wie er überhaupt für eine stimmung sorgte, die uns den heimweg über wach hielt. thanks.
setlist: sonny / old days / last will & testament / alabaster / vertigo / you got under my skin / the rain asked for a holiday / javelin / roll on / now we must face each other / the only living boy in omaha / nocturne / nostalgia blues / encore: joy division / medicine blues
setlist: sonny / old days / last will & testament / alabaster / vertigo / you got under my skin / the rain asked for a holiday / javelin / roll on / now we must face each other / the only living boy in omaha / nocturne / nostalgia blues / encore: joy division / medicine blues
Donnerstag, Dezember 08, 2016
glotzt nicht so romantisch (748): wardrobe
still zeichnend, gemütlich grasend, die schleifen ziehen, die samples stieren ins unendliche, wenn hier etwas passt, dann die bebilderung zur tonalen ausmusterung. ein lächeln entfährt. wir begegnen dabei johan verckist. gemeinsam mit dem belgier pascal deweze entwickelte er ein projekt, bei dem es beiden protagonisten mehr und mehr darum ging, das liveerlebnis des musik erstellens vor das produzieren im studio zu erheben. alle anderen beteiligten musiker
an wardrobes debütalbum "crawling", nämlich sarah pepels, pieter van buyten und noah melis, das am 17. februar über fons erscheint, bekamen die stücke erst zu hören, als es bereits ans verarbeiten ging, der erste eindruck sollte nicht verloren gehen und im nachfolgenden aufspiel beinhaltet sein. dem hörer wird diese erfahrung zuteil, nicht zuletzt wird er hie und da kleine fehler entdecken, die bestandteil dieser verfahrenstechnik sein dürfen. mit "man of straw" gibt es einen ersten eindruck, den rest dann im neuen jahr.
glotzt nicht so romantisch (747): rainwater / lokomoko
dass wir der zeit häufig genug voraus sind, wissen wir ja. da wurden schon künstler ausgegraben, die hatte die letzte indieschleuder noch nicht auf dem plan. aber immer wieder müssen wir auch nachtragen. all die graberei bringt also keine wirklichen vorteile. am ball bleiben, und schließlich geht es um fördern, befördern, geht es um liebe, die saat pflegen und auf ein kleines pflänzchen hoffen. mit rainwater hatten wir uns auseinandergesetzt, wobei wir gerade den hauptcharakter dieser truppe, blake luley, schon lange begleiten.
die gitarre spult munter die melodie herunter, wie selbstverständlich in einer schönheit und klarheit und vertrautheit, wie nur selten gehört. etwas synthieklänge gabeln sich unter, das schlagwerk ist präsent, aber ausreichend wenig deutlich, dass es mehr unterstreicht, denn dick aufträgt. es mischt sich blakes stimme dazu, die so weich klingt, als wäre sie von imaginären winden aufgerieben und ihrer kantigkeit beraubt. doch es braucht hier keinen grat, an dem sich die harmonien brechen. tiefe ist längst gegeben. das vorgetragene liedgut schwebt in saxophonen, hall verschlagenen klängen hinfort. anziehende elektronika, die wir bereits von ajnabi kennen, umhüllen das gewerk. das klienicum, 08/16
das debütwerk "swimming in sunlight"" dieses neuen kollektivs warf auch den track "lonesome you" ab, der nun in bewegte bilder getaucht wurde. darin seht ihr die tänzerin rebecca hadley ihrer kunst nachgehen, sehens- und natürlich auch hörenswert.
einer band, der wir es ebenfalls von herzen gönnten, dass sie die welt eroberte oder von der welt erobert würde, ist lokomoko aus hamburg, gerade mal eine single ist ins kerbholz geritzt, da rückt man mit der vertrautheit nahe, dass eine ep im neuen jahr anstünde, "harold weir" ist angekündigt, da passt zum fest das aktuelle video zum tollen track "more love".
"more love" klingt einfach, ist ein schlachtruf der entsetzten, mausert sich jedoch aus der knochigen beatperspektive zu einem synthieschunkler, aus dessen tiefe eine stimme stösst, die so wenig eine geschlechterfalle besitzt wie strafende härte, auf die jäh zu stossen man jeden moment erwartet. denkste, grindiges hallweichen, geschnippstes und aufgebügelter soundspaß. "your nose", die flip, unterwandert mit einer hellschichtigen gitarre das formidable gefühl von sicherheit, ein schlingern unterm blechernen schlagwerk. das klienicum, 08/16
Mittwoch, Dezember 07, 2016
eingestreut (1006): mariee sioux
lange hat man nichts von mariee sioux gehört, zumindest in musikalischer hinsicht. dass sie politisch aktiv ist, konnte man aber schon wissen. den jüngsten (teil-) erfolg im fernen amerika feiert sie nun gebührend mit einem song betitelt "black snakes", zu dem sie schreibt: "this song is a prayer for our times, for water protectors across the globe, and for the brave souls standing up and putting their lives on the line to defeat the black snake at standing rock." und weiter: "hopefully we can start illuminating these black snakes of corporate
greed and fear and oppression, that tear through our lands and our sick
systems, from the inside out..." tom menig, der vater von alela diane, übernahm die produktion in seinem studio und half bei der verbreitung. auch die lyrics seien vorgestellt:
"our skin tied over the drum an elder's eyes into the woods did run.
children tied into the drum a newborn's tears with the river did run.
an eagle cries over the drum, an ancient seed smiled into the light of the sun.
while madusa's head of black snakes, tears the the loss and what remains,
praying as dogs snap between labor pains, empty words spoken again and again,
the sacred hoop broken that we're trying to mend.
so well split the light in two well split the light in two...
we'll spit the light in you."
neue töne (1698): adrian hermes
photo by kathleen pracht
die aneinandereihung von fakten hilft zunächst, um eine ordnung, wenngleich noch keine einordnung zu ermöglichen. mit adrian hermes treffen wir auf einen musiker aus berlin, der unter der solofahne sein heil sucht. aufgewachsen ist er in ostfriesland, wo er sich (vermutlich) mit dem indieglanz der achtziger und neunziger jahre umgab. die faktentreue schwindet also, denn man muss nun das anvertraute wissen mit dem persönlich erlebten in einklang bringen. apropos klang. hermes veröffentlicht im kommenden februar sein debütalbum. hierzu gründete er eigens ein labels namens "lofi industries", das nicht zuletzt wiederspiegelt, worauf es der musiker abgesehen hat. unabhängigkeit. die bekommt man tatsächlich umsonst. muss dafür aber einiges in kauf nehmen. will er. sagt er.
wer sich den d.i.y. gedanken an die stirn pinnt, der macht am ende alles selbst. die lieder schreiben, sie aufnehmen und eben auch veröffentlichen, siehe oben. heraus kommt eine lofi gegründete, in kargheit gewonnene und aber auch in reinheit geronnene singer/songwriter-, pop-, folk-mixtur, die dominiert wird von einer wenig vordergründigen drummachine, einer e-gitarre, die weiß, an welcher ecke sie ihre melodie abholen darf, einer juvenilen und doch ernsthaften stimme und schließlich einer synthiewolke, die über allem steht. hermes geht seine lieder in ruhe an, man spürt, wie sie sich entwickeln, groß werden durften, aber auch wie an ihnen gearbeitet wurde. der detailreichtum drängt sich nicht auf, im gegenteil wird er erst mittendrin, im hörgenuss gegenwärtig. hier die schlanke harmonie, dort das perkussive wispern. hier die betonung, dort die pause. das macht alles sinn. und wer "dimension" gehört hat, der weiß, dass hermes neben vertriebsprinzipien auch yo la tengo studiert hat. mit "errors" wurde am 02. dezember die erste single losgelassen, da generiert das kleinstlabel ähnliche strategien wie die großen. das video dazu sei unten angefügt.
Dienstag, Dezember 06, 2016
neue töne (1697): thisell (konzert, album, präsentation)
photo by camilla anders
die violine der karin wiberg schafft weite, während das akkordeon des david odlöw zum boden zwingt. zwischen den fahrten taucht eine getupfte gitarre auf, grollendes schlagwerken, das alles andere als bedrohlich wirkt, dann eine stimme, die man mit keiner zweiten vergleichen kann. ihr wohnt eine traurigkeit inne, die man mit dem nordmann verbinden möchte. der sich zwischen den elementen wähnt, der voll von glück ist und doch den trost wie das brot zum leben braucht. der mehr weiß, als er zu verraten imstande ist. und weil ihn quält, was ihn umtreibt, singt er. mit sanftmut und reife, mitsamt der begrenztheit, die ihn ausmacht. sie sucht nicht den mangel zu überwinden, die vollkommenheit zu erreichen, sondern den mut zu begreifen sich zu offenbaren. doch dem zwang wurde stattgegeben und so steht der sänger wie zwischen den zeiten als ein zurückgelassener, noch nicht wieder eingeholter und ruft hierhin und mahnt dorthin, nicht zu vergessen, nachzukommen. man möchte ihn bei der hand nehmen, man möchte an die hand genommen werden.
peter thisell liest sich wie ein gebrochener, der immer wieder neu aufgestanden ist. er klingt wie ein getäuschter, dem man nicht den letzten mut rauben kann. ein nordmann eben. dann flirrt etwas in der luft, volkstümliches macht sich breit, im walzerschritt bewegt sich der etwas hüftsteife sänger und seine jugendliche crew folgt behände. mit "thisell II" liegt seit dem september endlich ein nachfolger auf jellyfant vor, den die schweden wenig naseweis benannten.
an vielen orten wird man thisell finden, dort wo der schmerz sitzt, aber auch dort, wo man in geselliger runde die hoffnung besingt. die lap steel, das piano, das dräuen des kommenden, der stille bass, das saitenstreichen und das befinden von einem mehr, von dem es nur eine ahnung gibt. was anklingt, ist bereits vorhanden, auch wenn es vielleicht undeutlich bleibt und der augenblick, da man es erhascht, so kurz ist und endlich scheint.
thisell gelingt eine gangart, die zwischen den stilen eine eigene heimstatt findet, eine art psychfolk, dem man die herkunft nicht verbieten kann, der aber doch eine universelle wirkung erzielt. er wird verstanden, hier und dort, zwischen den welten ebenso. wir werden peter und die seinen abholen.
am 09. dezember spielt der bärtige schwede im atelier gut in der münchner pfeuferstraße 38, ab 20 uhr solltet Ihr Euch einfinden. david odlöw und tomas larsson werden peter begleiten und dem sentiment einen glitzerrand verleihen. zum event geht es hier lang: klick!
09.12. münchen, atelier gut
Montag, Dezember 05, 2016
neue töne (1596): abigail lapell
diese stimme hat eine tiefe, die immer auch ein wenig unvollendet scheint, nie ganz erreicht. das macht vielleicht ihren zauber aus. sie ist zudem etwas rauchig, hat eine würzige bluesnote und dabei impliziert sie eine weite, wie aus erfahrung und einsicht geboren. abigail lapells gesang glänzt mit koloraturen, die kaum wahrnehmbar sind, kehlig bringt sie die töne hevor, warm letztlich und voller gefühl. schwärmerisch darf man über die kanadierin berichten, weil sich neben dieses außergewöhnlich schöne organ auch eine musik stellt, die nicht nur unterstreichend agiert.
mit "hide nor hair" steht ein neues album an, das am 20. januar veröffentlicht werden wird (danke an p. aus b. für den hinweis). darauf enthalten sind unter anderem die beiden songs "fur and feathers" und "jordan". ersterer gelingt im feld einer akustischen, sparsamen instrumentierung, hat den charakter eines traditionals und nimmt in aller vertrautheit kontakt zum hörer auf. schnell wird man sich eins. zweiterer entsteht am piano, die bindung trifft das folkloristische im lieblich melodischen. das ist keine form des steine erweichens, dafür ist die kunst in sich zu fest, aber es geht ans herz, so viel ist gewiss.
abigail lapell ist kanadierin. sie stammt aus toronto, schreibt ihre songs selbst und ist an vielen instrumenten begabt. während sie noch auf der suche nach sich und diesem dasein war, lebte sie in montreal und tauchte in die dortige szene ein, spielte in bands, unterstützte theaterprojekte. ihr erstes album erschien schließlich 2011: "great survivor". sie fand in heather kirby (ohbijou) nicht nur eine hervorragende produzentin, sondern etliche großartige mitstreiter, musiker wie lisa bozikovic oder aaron lumley. das album wurde nicht nur bemerkt, es wurde prämiert und landete auf einem sensationellen dritten platz der kanadischen folkcharts.
lapell hat seit dem mit acts wie first aid kit, rae spoon oder tuneyards die bühne gekreuzt, hat etliche touren hinter sich gebracht und neben dem nördlichen amerika auch europa bereist.
für das neue album "hide nor hair" konnte sie chris stringer (timber timbre u.a.) gewinnen, ihr im studio zu helfen, es erscheint in bälde und sollte den ausnahmestatus dieser noch jungen künstlerin unterstreichen.
Sonntag, Dezember 04, 2016
eingestreut (1005): pascal gamboni & rees coray (tour)
pascal gamboni stammt aus der schweiz, allerdings aus einer ecke, in der nur ein paar zehntausend einheimische rätoromanisch sprechen. nicht zwingend, dass man den nachbarn einen ort weiter versteht. das ist nicht die einzige besonderheit in sachen gamboni. seit geraumer zeit, seit langem eigentlich schon macht er musik und hat es damit immerhin auf das montreaux festival geschafft. ob er dort in englisch gesungen hat? gemeinsam mit dem virutosen basser rees coray legt er dieser tage ein neues, das zweite album des duos auf r-tunes vor. es heißt "veta gloriusa" und enthält vierzehn tracks, die sich in sachen sprache nicht ganz einig sind. denn gamboni zwingt dem vertrauten dialekt auch gern das englische auf, so dass es immer wieder zu gelungenen verunreinigungen kommen kann. auch bei den musikalischen stilen ist man sich nicht einig. singer/songwriter wird von bluesigen nummern abgelöst, jazzverhaltenes gibt sich die klinke mit folkanleihen, nichts ist sicher, vieles möglich auf diesem erstaunlichen release. das album wird im januar im gepäck sein, wenn das duo auf ausgedehnte promotour gehen wird. die daten für hiesige landstriche führen wir an:
12.01.2017 Bamberg, Freiraum
13.01.2017 Bad Frankenhausen, Panorama Museum
14.01.2017 Solingen, Pub Tom Bombadil
15.01.2017 Berlin, Nussbreite
16.01.2017 Hamburg, Kulturcafé Komm Du
18.01.2017 Köln, Die Lichtung
19.01.2017 Aalen, Frapé
20.01.2017 Salzburg, Plan B
Samstag, Dezember 03, 2016
ein (p)fund mp3 (542), teil 2
das trio aus glasgow bzw. london ist doch glattweg durch die decke gegangen, dabei liegen erst zwei offizielle singles vor, wie es so gehen kann; zwischen sleater kinney und slit, heißt es, bitte gegenkontrolle vornehmen: dama scout:
der neue release "above the desert" wird wohl ende dezember auf dronarivm erscheinen, aber eine wirklich offizielle bestätigung gibt es noch nicht, dafür einen ersten track des japaners, den wir gerne vorstellen: chihei hatakeyama:
gut einen monat später, also im januar veröffentlicht pleasence records das neue album des rührigen kanadiers, der hier sich hier mit der einen hälfte von shield patterns zusammengetan hat, einen ausschnitt aus "delirious things" mit: aidan baker & claire brentnall:
den folk nehmen wir auf die eine, die langjährige zugehörigkeit zum kanadischen indierock auf die andere seite, heraus kommt das album "solidarity", das mitte februar auf pheromone recordings erscheinen wird, viel spaß mit: bill & joel plaskett:
noch einen track aus dem hause hardly art, der auch über das jahresende hinausschaut, die dazugehörige langspielplatte des dreiers aus seattle heißt "sincerely" und wird am 24. februar erscheinen: dude york:
eine spannende geschichte rankt sich um die team love veröffentlichung dieser beiden alben: "at longview farm" von 1979 und das aktuelle werk "when you get old", alle infos bekommt Ihr auf der labelseite, hier einen eindruck: jemima james:
ein (p)fund mp3 (542)
mit "texas monthly" erschien dieser tage der erste song seit dreizehn jahren, den die in texas beheimatete band ans licht der öffentlichkeit ließ, geschehen anfang november via keeled scales records, auf dem auch das neue album "reproduction" im kommenden märz erscheinen wird: knife in the water:
am 09. dezember erscheint das album "david welles", das nicht zuletzt den hauptakteur benennt, um welchen sich eine immer wieder wechselnde schar mitmusiker schart, um einen ganz eigenen sound aus no wave, house und krautrock zu kreieren: onwe:
wirklich eine starke debütsingle, die diese junge, neue band aus wales da vorlegt, der track "pwysau", in landessprache vorgetragen, hat einen ganz eigenen flow, so stark, dicht und ernsthaft, dabei mit einer musikalischen leichtigkeit versehen, auf decidedly records erschienen: adwaith:
das wunderbare instrumentalprojekt um sarah kemp kommt uns mit einer neuen veröffentlichung auf sound in silence, "secret hope" wurde mitte november veröffentlicht und nähert sich dem ausverkauft status, beeilen: brave timbers:
das vorab benannte label begeistert mit handgefertigten und handnummerierten kleinen ausgaben, zu denen aktuell auch das duo aus richard walker und karine charff mit ihrem neuesten release "switched on and live" beizutragen weiß: amp:
he, das sind großartige nachrichten, ein neues album im köcher und dann anfang des nächsten jahres noch einige tourtermine bei uns, "preservation" erscheint am 03. märz: nadia reid:
Freitag, Dezember 02, 2016
glotzt nicht so romantisch (746): strand of oaks
photo by maclay hariot
den weg ins wochenende bereitet uns tim showalter, der die ersten aufnahmen aus "hard love", dem neuen album, welches mitte februar auf dead oceans erscheinen wird, freigibt. "radio kids" heißt die erste single und sie wurde gleich mal ins recht licht gerückt. produziert wurde das neue werk von nicolas vernhes, der schon für the war on drugs oder dirty projectors verantwortlich zeichnete. an der gitarre stand jason anderson zur verfügung. thematisch dreht sich alles um die diskrepanz zwischen dem genuss auf der einen und der verantwortung auf der anderen seite. einen reim werden wir uns machen, wenn wir das gesamte neue album gehört haben: strand of oaks:
glotzt nicht so romantisch (745): tim darcy / cian nugent / john southworth:
ach mensch, da werden erinnerung wach, woran denkt Ihr , wenn Ihr "tall glass of water” vom kommenen album "saturday night" desbandmitglieds von ought, das am 17. februar auf jagjaguwar erscheinen wird, hört, na?: tim darcy:
"night fiction" ist ja bereits vor einiger zeit auf woodsist records erschienen, nicht zuletzt um auf die anstehenden konzerte (siehe links) vorzubereiten, aber auch weil ganz frisch hier das aktuelle video zu "lost your way" zu sehen ist: cian nugent:
das album "small town water tower" ist pures understatement und eine kleine popsensation, erschienen auf tin angel records, enthält es "champion of love", das nun auch bewegte bilder erhielt, bitte sehr: john southworth:
Donnerstag, Dezember 01, 2016
zu gehör getragen (207)
moonsicles – bay of seething (2016)
> instrumenteller progrock, der sich einer wunderbaren dynamik hingibt, ohne von ihr kontrolliert zu sein, dafür nimmt er sich zu sehr das recht des detailsreichtums, verwundert durch hypnotische elemente und entzückt durch seine cinematographische, narrative weise, 4/5
the cave singers – banshee (2016)
> als hätte die truppe aus seattle am tropf gehangen, um gerade so über die runde zu kommen, wohin ist das feuer, wo der pfeffer, wo die würze, der aufguss zündet nur selten und wenn, hat man es in irgendeiner form so schon gehört, 2,5-3/5
iji – bubble (2016)
> zach burbas projekt charakterisieren wir mit "harmoniespeck" oder "poplustbarkeit" oder "hymnenterror", stets auf der suche nach neuen bewunderungsausdrücken für die lofi- abenteuer des amerikaners, 4/5
banned books – s/t (2016)
> die musik des dreiers aus philly mäandert zwischen popseliger melodie und krachendem ausbruch, selten fand man sich in beiden welten so beheimatet, die gitarrenriffs wurden noch einmal durch den computer gejagt, das rhythmische zuckeln des basses beigelegt und die allgemeine nervosität, die ist immanent, 3,5/5
neue töne (1695): martha rose
hier kommen ein paar dinge zusammen, die als türöffner dienen. also, bei mir. wie auch immer man das bewertet, aber darum gehts hier doch. oder? mir gefällt etwas und ich reiche es weiter. martha rose hat eine stimme, die gern mal zu kippen droht, die nicht zwingend einen harmonischen melodienverlauf sucht, die aneckt, mal keckernd klingt, mal in kleindmädchenhaftigkeit den kopf schüttelt. und dann sind da diese mäandernden liedverläufe, gefüttert von einer musikalie, die sich nie allzu ernst nimmt. so entstehen popkleinode mit wiedererkennungswert.
etwa wenn in "mean" das tempo gedrosselt wird, die stolpernde gitarre jäh abricht, um in einer momentaufnahme einer sinnlichen note den platz zu räumen. in "can't not say" dominiert dann schon wieder ein stoischer rhythmus, an dem sich die junge künstlerin zu reiben scheint. die orgel jammert, das schlagwerk hämmert und martha..., martha singt mit glockenrockschwung. "spit" steht symptomatisch für den lofi-charakter ihrer musik, sparsamkeit und minimalistik prägen das soundbild, etwas synthie, ein lichter beat, dazu der verträumte singsang, der sich in den seichten hall legt. und "kiss mee" erzählt etwa von der "naiven romantik", mit der die britin ihre musik auch selbst umschreibt.
martha rose kommt ursprünglich aus brighton, hat aber längst in berlin ihren platz gefunden. der weg dorthin ist ein ungewöhnlicher. denn die inspiration kam ihr durch niemand geringeren als günther grass. seine "blechtrommel" eröffnete eine weite, der rose in eben jener deutschen literatur nachspüren wollte. der umzug nach berlin war folgerichtig, der casio kam hinzu und so galt es, die eigenen literarischen ambitionen mit den musikalischen möglichkeiten zu verbinden. "spit" ist das debüt der an emotionen reichen künstlerin. es wurde von thomas zehnle aufgenommen, das mastering übernahm ralv milberg.
das veröffentlichende label treibender teppich records hat eine auflage von 500 langspielplatten avisiert, wir empfehlen den kauf.
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