Sonntag, April 05, 2015

neue töne (1516): joanne robertson


simplizität des moments. vokale ausformung, mit dem gesangsorgan graduiert, in den raum gestellt, den schwingungen übergeben. der sound fast billig, hohl, als lebte er den augenblick fort, in dem er entworfen wurde, ganz egal wo und mit wem auch immer. so gesellt sich die musik, wie liebe sich zu füssen legt. einfach, genügsam, bar jeglichen stolzes und bar jeder forderung. die stimme brüchig oft, im rändern beflissen, darüber hinaus bewegt. wie benommen die hörerschaft. die gefangennahme ist unverfänglich zunächst, andauernd in der fortsetzung. gitarrenmuster bilden die stäbe für ein stabiles geviert, joanne robertsons gesang entwirft das schloss, dessen schlüssel längst verloren ging.

der opener "wave" begleitet sich an schraffierter sechssaitiger, robertson formuliert, verlautbart, weist an und schließlich ein. schnell wird klar, worauf man sich hier eingelassen hat. schon mit "out" gerät ein erster höhepunkt. weihevoll fasst er in einem kurzen refrain die karge schönheit dieser aufnahmen. dort, wo der sängerin stimme so hell und klar durchdringt, über diese wenigen töne hinweg zusammenfasst, wonach wir suchen. es sind diese leicht hervorgehobenen andeutungen, die man bereits beim ersten durchlauf kaum überhören kann, später gesellen sich die fäden hinzu, die sie verbinden. vor dem inneren augen entsteht eine gefühlslandschaft, nach für nach, derer man sich bemächtigen mag, aber nie kann. so ungewiss bleibt vieles. spricht robertson von verlust, von entzweiung, von wiederbelebung? sind die taue gerissen oder noch lose miteinander verbunden? machte es einen unterschied, wenn man so darüber singen vermag? hallentrückt "curve", eine stolz geführte gitarre, ein zwischenspiel, aus einem großen offenen raum entführt. "grams" ist etwas direkter, dennoch lichter, dabei bedrängender. was man hört, ist längst nicht das, was gespielt wurde. was wir lesen nicht der text, der eigentlich geschrieben wurde. grenzen verschwimmen, aus andeutungen werden weisheiten. "halls" wirkt oberflächlich freundlicher, offener, zugänglicher. der sound ist reiner. robertsons gesang aber kommt aus der tiefe, wenngleich klar, so doch mit gefühlswucht belastet. deutlicher wird selten, was ausreicht, um anzurühren. der titeltrack bestätigt dies fast noch ausdrücklicher. wenn "bricklin" am ende des album die atmosphäre dank willentlicher noiseattacke zerstört, fühlt es sich an, als würde robertson auch noch zum handfesten durchatmen animieren, nachdem man für eine gute halbe stunde die luft angehalten hatte.

es ist erst das zweite album von joanne robertson. "the lighter" war bereits 2008 ein hinhörer. wir schrieben u.a.: "ein-wort-überschriebene-songs, die dennoch nicht sprachlos scheinen. "grasscat", "stovepipe": die geschichten dahinter sind zu erahnen. joanne bestätigt auf "the lighter" manches, manches nicht. ihre bewegte biographie lieferte wohl genügend stoff. blackpool, piano gelernt, in der punkszene rumgehangen, mit eigener band unterwegs, die ehemaligen schulkameraden von franz ferdinand geben schützenhilfe in sachen auftritt, aufenthalte in paris, später in den staaten. dann irgendwann nur noch auf sich und das unmittelbare können konzentriert. entsprechend reduziert kommt die von david cunningham produzierte scheibe daher. britfolk, modern und offen, auf geschickte weise unterhaltsam. die stimme erinnert man, denn sie hat ähnlichkeit mit der von joanna newsom, aber auch mit der dame von beatbeat whisper oder mit julia stone. macht nichts, denn originär ist das, was frau robertson macht allemal. sie erinnert mich an die einsamen tage des frühen erwachsenenalters, da man sehnsüchtig über die dächer der stadt blickte. weit ab von allem und durchdrungen von der sucht nach nähe. in diesen zeiten entstehen ganz besondere lieder, bei manchem der leidensblues, bei anderen die aufblüher, bei joanne eine mixtur aus wehmut und optimismus. getragen von einer frei atmenden klangatmosphäre."

der zweitling "black moon day", auf feeding tube erschienen, ist alles andere als kalkuliert, aber die entrückte atmosphäre, die in intransparenter spannung versehene arbeit impliziert den voyeristischen blick auf die wunde. doch offengelegt ist alles andere und preisgegeben noch viel weniger. es ist das bislang stärkste album des noch jungen jahres.

tracklist: 01. wave 02. out 03. hi watt (prod. dean blunt) 04. curve 05. grams 06. halls 07. drops 08. black moon days 09. secret 10. shudder buck 11. bricklin

Kommentare:

Gudrun hat gesagt…

Da höre ich gern noch einmal genauer rein :)

E. hat gesagt…

ach ja, unbedingt.
mir wirds nicht zuwider.