Mittwoch, Juli 03, 2013

konzert: chelsea light moving, 01.07.13


 am sonntag hatte ich noch schwer die couch gehütet, ein grippaler infekt hatte sich meiner bemächtigt. der montägliche gang in die arbeit war ein horror, weiche knie, ein dicker schädel, total verrotzt und die lungen mit reizen belegt, sich ständig ausmisten zu müssen. der tag neigte sich, doch stand noch kein ende in sicht. ich würde endlich samara lubelski sehen dürfen, da war kein schwächeln geboten. die new yorker musikerin begleitet mich nun fast ein jahrzehnt. neben ihrer mitwirkung in bands wie hall of fame, tower recordings oder metabolismus darf man sie auch und vor allem als solokünstlerin bewundern. mittlerweile sechs alben sind in ihr kerbholz gebannt, eines wunderbarer als das andere, vom experiment zum offbeat pop mit der anlage, sich als klassiker zu etablieren. neben "wavelength", ihrem album aus dem letzten jahr, glänzte lubelski in der jüngeren vergangenheit durch ihre arbeit an thurston moores soloalben "demolished thoughts" und "trees outside the academy". dort widmete sie sich vor allem der streicherkunst an ihrem ursprungsinstrument, der violine.



in der vorliegenden konstellation, der frisch formierten allstarband chelsea light moving, konzentriert sich die kühle schwarze vor allem auf den bass. neben ihr agieren hush arbors mann keith wood an der zweiten gitarre, john moloney an den drums, der natürlich im sunburned hand of the man kontext zu nennen ist, sowie der uneingeschränkte frontmann thurston moore. der nach wie vor wie ein jugendlicher nerd aus den neunzigern wirkende sänger und gitarrist bot eine packende und mitreissende show. war ich anfangs noch voll auf das spiel von samara lubelski ausgerichtet, zog mich der lange, hemd gewandete, blonde kerl immer mehr in seinen bann. sein sonic youth gegründetes, rohes und ursprüngliches spiel, dazu der melodieverliebte gesang zündeten wie es sonst nur dinge tun, denen eben jene zweischneidigkeit zugrunde liegt: das überbordend manische neben dem einfachen und anrührenden.



diese mischung ist explosiv. erst recht wenn sie so vortrefflich untermalt wird. die arbeit der bandkollegen kann man nicht genug würdigen. keith wood ist ein teamplayer, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. sein spiel ist nachdrücklich, nachhaltig, belebend. all die lücken, die moore hinterlässt, wenn er sich feedbackorgien oder schweinigeleien auf seinem abgegriffenen instrument hingibt, schließt er zuverlässig, nimmt fäden wieder auf und spult den rest vom garn von der rolle. selten drängt er sich in den vordergrund, bleibt zumeist in der etappe, um den einzelnen songs immer wieder genügend futter zu reichen. am rechten rand stehend sah wood ein wenig vernachlässigt aus. mir schien aber, dass er sich mit dieser rolle sehr gut arrangiert hat. gleich daneben wirkte der wohl älteste in der runde. der graubehaarte john moloney ist ein zertrümmerer, ein furor, ein knecht seiner eigenen ruhelosigkeit. die beats knallen aus den fellen direkt in die magengrube und erzeugen statt fluchtgedanken eine bedingungslose erdung, als würde man mit den füssen in den boden genietet, ohne jegliche chance, diesen ort wieder verlassen zu können. wenn die beschreibung etwas ungeschlachtes impliziert, was der kerl hinter seiner kleinen trommelkollektion fabrizierte, so stimmt dies nur in teilen. denn durchaus diffiziles, schmuckes, kleinteiliges war herauszuhören. ein bewundern seines handwerks war durchaus angebracht. doch in erster linie musste er die songbiester vorantreiben, sie in schwung bringen, um sie dann auf einem ordentlich hohen, will sagen flotten niveau zu halten.


nun, einen wesentlichen beitrag gerade zu diesem auftrag leistete auch samara lubelski, die mich aber zunächst durch ihre teilnahmslosigkeit ausstrahlende miene irritierte. später ließ ich mich belehren, dass es sich wohl um konzentration gepaart mit routine und professionalität gehandelt habe. ausdruck dessen war ein blitzsauber identifizierbarer bass, der schwere metallinien zog und sich griffig dem drumming anschloss oder fast etwas verlegen ganz eigene kleine schrauben drehte. der grifftechniken kein versierter musste ich dennoch konstatieren, dass lubelski ein ums andere mal in einer art an den hals des instruments fasste, die etwas besonderes schien. gespreizte finger, haltungsnote eins. zudem bediente sie den bass mit einem plektrum, was ein helleres timbre erzeugte und natürlich dem zuweilen saftigen punksound sehr entgegenkam. wechselschläge für repetitive momente, kein thema, kein problem. ihre stoische art blieb denn auch erhalten, als sich ihr ihr gegenüber riesenhaft erscheinender kollege bereits in einen rausch gespielt zu haben schien. moore war längst schweissgebadet, die ausdünstungen schüttelte er immer wieder kräftig ab, so dass die tropfen in schauern niederschlugen, und manifestierte darüber hinaus seinen ruf als einen der besten gitarristen dieses planenten. seine läufe sind unglaublich, seine harmonien erstaunlich, seine tonalen äußerungen immer wieder überraschend. was er alles aus dem instrument holt!


dem bratzenden element, der dumpf krachenden note fügte er immer wieder sittsam die melodie bei, als sei es ein leichtes und selbstverständliches, dieses neunziger jahre gefühl jederzeit und an jedem ort herauf zu beschwören. und nicht zuletzt fungiert diese band, die songs, dieses ausdruckmittel als entladungsstation, wofür auch immer, wir hatten keine gelegenheit moore zu befragen. wir labten uns dafür an songs aus dem ersten album von chelsea light moving wie "burroughs" oder den als protestsong angekündigten "lip", daneben einfügungen wie das john donne poem "ecstasy" oder anderen non album tracks wie "sunday stage" und "no go". beim eintritt hatte man uns gewarnt und den erwerb von ohrstöpseln angemahnt, aber die einträgliche power des sets lüftete die gehörgänge, sorgte jedoch nicht für störungen. manche halten das laufende projekt moores für einen rückschritt, manche nur für einen zwischenakkord. ich sehe fäden zusammenlaufen, vielleicht auch ein bündel sich entflechten.

chelsea light moving - burroughs by slicing up eyeballs
 

alles in allem also ein sehr vergnüglicher abend, der, nicht nur um der ergänzung willen hier erwähnt, vom jooklo duo eingeläutet wurde. virginia genta und david vanzan erstaunten das früh angetretene publikum im recht gut befüllten ampere mit einer expressiven wie konsequenten show. sie am sax (einmal gar mit zweien gleichzeitig) oder der flöte, mit einsatz der stimme oder etwas perkussion, er am schlagzeug, einem derwisch gleich. das war jazz, improvisation und experiment, das war groß. ein einträglicher groove, der sofort gefangen nahm, wenngleich die freejazz- ausdünstungen schwer zu nehmen waren, hielten sie doch die balance zu den artistischen einlagen des drummers. der arbeitete sich grimassierend durch sein set, was nicht nur gut anzuschauen, sondern vor allem gut anzuhören war. hier trafen sich kunstfertigkeit und die ausgewogenheit, es nicht nur um der kunst willen zu betreiben.

jooklo duo and bill nace - scratch (excerpt) by holidays records 

im rahmen des zwanzigjährigen bestehens des muffatwerks war dies eine veranstaltung, die man gut und gerne als zukunftsaussicht hernehmen kann. danke!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

habe im vorprogramm mit den sehr genehmen deutschen krautrockern metabolismus gerechnet, so kann man sich täuschen. die stattdessen vortragenden freejazzer fand ich einfach nur gruslig, da kann ich Dir nicht folgen. aber zu dieser art "musik" (???) fehlt mir einfach der zugang - ich seh darin für mich allerdings kein problem ;-)) thurston und seine combo haben dann freundlicherweise für diese tortur mehr als entschädigt. ein beseeltes grinsen stellt sich auch noch nach vielen jahren bei seinem enthemmten gitarrenspiel ein - es machte um einiges mehr spass als die akustische nummer vor einigen jahren in den kammerspielen. eine etwas längere spieldauer wäre bei dem preis allerdings schon angezeigt gewesen.
grüße,
gerhard

E. hat gesagt…

ich hatte auch auf metabolismus gesetzt und war überrascht, dass es das jooklo duo wurde. aber wie gesagt, mit ihnen kam ich gut zurecht, im gegenteil begeisterten sie mich.

die ticketpreise sind auch ein thema, das stimmt. 30 euro an der abendkasse sind nicht ohne, ebenso wie gestern bei dinosaur jr. ich gebe gern etwas mehr, aber...