Donnerstag, November 07, 2013

konzert: susie asado, 05.11.13


für manche mag das normal sein, für andere eben nicht. die kreise sind eng gezogen. die begegnungen begrenzt. was man fürderhin alltag nennt, bewahrt auch und sorgt für sicherheit. entzieht man sich, fordert man belebung ein und läuft möglichen gefahren direkt in die arme. ein wagnis nicht nur, fremde in sein haus zu lassen, sondern darüber hinaus auch sie durch bekannte zu ergänzen. dann mischen sich die perspektiven. die kontraste werden hervorgehoben und aus absichten werden vielleicht feste verabredungen und aus mutmaßungen gewissheiten. abende, an denen bei uns welten aufeinander treffen, schärfen unseren blick für lebendigkeit und für den mut sich dem bekannten, aber auch immer wieder neu dem unbekannten zu stellen.

mit susie asado alias josepha conrad nebst ariel sharratt und mathias kom, letztere leicht the burning hell zuzuordnen, durften wir musikalische prominenz der besonderen güte begrüßen. die fleißig tourenden schrammten unser örtchen und ließen sich bereitwillig auf das abenteuer hauskonzert ein. mit knapp zwanzig gästen ließ sich das beengte gut ertragen, und die eigentlich angestrengte intimität dieses mehr als einstündigen moments blieb dank des entgegenkommens der künstler als auch der natürlichen empathie insbesondere susie asados von vornherein auf der strecke. so standen genuss und ein abend ohne reue auf dem plan, an welchem man aufmerksam den philosophisch getränkten liedern und zwischenberichten der in berlin lebenden künstlerin folgen konnte. 


geschichten, die oft nur, als würde die zeit still stehen, einen kleinen ausschnitt betrachten. die details aufs tableau bringen, die andere unbeachtet vorbeiziehen lassen. aus denen heraus sich aber reflexionen über das leben verallgemeinern lassen. die große kunst von susie asado, die ihre musik gern auch als kollektives erlebnis versteht, bei dem sich kollegen die klinke in die hand geben und wechselnde besetzungen bedeuten, den klang eines stücks zu  varrieren, ihm aber nicht den kern zu entziehen. sei wachsam, beobachte die welt um dich herum, mach sie dir zu eigen, wenn du sie keinem stiehlst. nimm die magie eines augenblicks wahr und teile sie mit anderen. such nach der kindlichen freude, wenn du sie unterwegs verloren hast, und wenn du sie gefunden hast, halte sie fest und gib auf sie acht. 


so erfindet susie asado bilder, die auch dem hörer sofort plausibel erscheinen, weil sie unausgesprochene wahrheiten transportieren, oder weil sie momente beleben, von denen man längst eine ahnung hatte. wie das bild vom ehemaligen flughafen tempelhof, der der künstlerin das vertrauen darin gibt, dass es immer wieder ein vorwärts, ein weiter oder ein gutes ende gibt. "onward aeropuerto", worte, die einem mantra ähnlich vertrauen und sicherheit zurückgeben. das gleichnamige lied steht auch dem aktuellen album vor, aus dem unter anderem auch die klangmeditation "cloud" vorgetragen wurde, da ariel sharrett lediglich die luft durch die klappen ihres instruments stieß, ohne dass der klarinette töne entstiegen, da mathias kom über die saiten seines basses streifte und sich so atmosphärisches einstellte, was einem einmal mehr sicherheit entzog. sicherheit auf ein unbelastetes leben. sicherheit darauf, dass sich alles so ergibt, wie man es sich wünscht. trügerisch, darauf zu vertrauen. der betrug lauert um die ecke. das weiß auch susie asado. und erzählt und singt von spionen und von strategien.

wunderbar, der in frankfurt und chicago aufgewachsenen zuzusehen, wie sie ihre lieder mit blicken und gesten, mit freudigen augen illustriert, wie sie die begegnung mit ihrem publikum sucht und zugleich ihre mitstreiter einzubinden weiß. während sie mittels ukulele oder kleiner gitarre vorgaben machte, folgten mathias und ariel willig und malen das noch unfertige bild im rahmen nach eigener coleur mit aus. hier der gründende bass, mit flinker und sicherer hand geführt, dort die klarinette, die zirkulieren und ausformen darf, die akzente setzt und so lustvoll und aufbrausend klingen kann, unterstreicht und betont. denn neben dem narrativen charakter erheben die lieder susie asados anspruch auf nachdruck. wenngleich sie oft mit gleichmut vorgetragen sind, fallen doch die worte nicht als bloße hülse unscheinbaren inhalts, sondern wollen verstanden und verhandelt werden. doch auch der zweifel ist nicht fremd, und nicht alles kann auf den punkt gebracht werden. nicht zuletzt ist es ausdruck dafür, dass noch etwas kommt, das man nicht kennt, nicht kennen kann.


vielleicht aber ist es am ende die nicht vertraute perspektive, die jospha conrad einzunehmen gewillt ist, die die musik susie asados so spannend macht. wer hat schon einen aufwändigen gedanken an die fremdländische pflanze im fenster verschenkt oder sich in die lage einer dame versetzt, die auf einem foto abgelichtet ist. besonders oder 'speziell', wie josepha gern betont. neben "onward aeropuerto" werden auch die vorgängeralben zitiert. so dürfen wir das frühe "hello antenna" geniessen und von "traffic island" u.a. den gleichnamigen song, "tintenlumpenhand", "lady with dog", "little plastic figure", "koffer auf koffer zu. ergänzt wurden diese songs durch ganz neue kinderlieder, die noch unveröffentlicht sind und die die ganze eigene note susie asado tragen und zwischen spannung und freude changieren, stets die wachsamkeit des hörers zügelnd.

die nachbarn, die ihre fremdheit ablegten, die alten bekannten, die man nicht wiederzusehen glaubte. als trüge sich manche geschichte aus dem repertoire der künstlerin vor unseren augen zu. als transzendierte eine idee. als führte josepha conrad eine gewissheit mit sich, die sich dort bewahrheit, wo sie sich gerade befindet. vielleicht ist das einer der gründe, warum Ihr sie nicht verpassen solltet.
danke josepha conrad, danke ariel sharrett, danke mathias kom!

07.11. Erfurt – Theater im Palais
08.11. Leipzig – Frauenkultur
09.11. Berlin – Ackerstadtpalast w/ Jakob Dobers & The Burning Hell (acoustic duo)

FEBRUARY 2014
12.02. Bielefeld – Offkino
13.02. Osnabrück – Lagerhalle (Grolsch Song Night)
14.02. Bremen – Etage3
15.02. Greifswald – Kulturbar

 
(bilder von marius schuller, tausend dank dafür!)

Kommentare:

Gudrun hat gesagt…

So ein warmherziger und kluger Bericht.

E. hat gesagt…

vielen dank, gudrun.

Josepha Conrad hat gesagt…

oh, es war ganz fein bei Euch! Vielen Dank! Und auch für diesen schönen Bericht. Lieben Gruss aus Erfurt. Josepha

E. hat gesagt…

der dank gilt Euch!