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Mittwoch, Juli 01, 2015

konzert: julie doiron, 29.06.15


der laue sommerabend lud zum entspannten cruisen ein. die saftigen wiesen zogen in endlosen quadraten rechts und links der b15 vorbei, lediglich unterbrochen von sich grau abhebenden, in die landschaft schlängelnden landstraßen. die sonne grüßte noch wach von den gipfeln des majestätisch ruhenden gebirges her, ein milder wind zosch in die weit geöffneten fenster unseres wagens. rosenheim grüßte mit vororten, später mit bildungseinrichtungen und dem hinweis auf den örtlichen eishockeyverein, in der city selbst mit baustellen, einbahnstraßen und parkplatzproblemen. vor dem hole hatte sich bereits eine traube gebildet, die sich der kleinen straße annahm, rauch in den himmel blies, sich das frische bier schmecken ließ und mit linkischem blick nach einer dame lugte, die sich ihrer kinder bemühte. luftig bekleidet, ärmellos, so dass man ein kleines tattoo auf dem linken oberarm sehen konnte, mit sandalen beschuht, eine große, runde brille auf der nase, julie doiron. ihr jüngstes (elsie) brauchte noch hilfe beim umherwandeln, die größeren konnten sich bereits darum kümmern. bald sollte die situation kurzzeitig eskalieren, die mutter musste schließlich ein konzert spielen. beruhigung allenthalben, spätestens als die kanadierin auf der bühne stand. 

an ihrer seite christopher leigh mc laughlin, der sich wie die namensgeberin des konzertabends eine e-gitarre umband. er sollte schließlich für die akzente sorgen, melodieneinschlüsse, saftiges fetzen, sphärische soundmalereien oder bottleneck-akrobatik. es gelang ihm zumeist ausgezeichnet, doch die momente, da sich verzerrungen nicht mehr als intendierte identifizieren ließen, mehrten sich. ganz offensichtlich begannen amp und pedals zu streiken. christopher, mit deutschen vorfahren aus der nähe von kaiserslautern, wie man während des abends erfuhr, ließ sich zunächst nicht aus der ruhe bringen, da waren bereits einige songs absolviert, doch in der interaktion mit seiner partnerin entstand spürbare nervosität. war sie zunächst auch gegründet in der tatsache, dass sich die babysitter via handy bemerkbar machten, was für ein zusätzliches störgeräusch sorgte, wurde sie potenziert durch die erwartungshaltung doirons an einen möglichst einwandfreien vortrag. dass christopher irgendwann das handtuch schmiss, sprich die gitarre in die ecke stellte und entnervt die flucht ergriff, kann seitens des bzw. durch publikums nur schwach begründet werden. hier offerierte sich bzw. hierin kulminierte vielleicht auch der andauernde stress, dem die familienbande auf einer weitläufigen und zeit- und kräfteraubenden tour ausgesetzt war, ist.


bis dahin aber hatten die beiden geschwisterlich aufeinander zu gearbeitet, ließen die gewogenen anteile am klangbild gelten und gesellten sich zueinander, sowohl instrumental, als auch stimmlich wenn es not tat. hin und wieder stutzte sich christopher die flügel, setzte sich auf die bühne, um an den effekten zu fingern, schleifen zu produzieren, ein psychedelisches geifern anzustimmen oder um ein neues fundament zu schaffen, auf dem julie doiron agieren konnte. sie wiederum schien sich über den abend hin erst einmal einsingen zu müssen. klang ihre stimme anfangs noch beschränkt, kantig, hart, nahm sie an weichheit, klarheit und variabilität im verlaufe des konzerts immer mehr zu.  aber es ist gerade ihre eckige art, hier und dort etwas zu verschlucken, endungen endungen sein zu lassen, die für so positive widerstände sorgt. denn während sie bereits die nächste liedzeile beginnt, lässt sie der zuvor gesungenen noch ein fitzelchen raum, damit ihr der hörer etwas nachgehen kann. so nimmt er einen aktiven part ein und wird schnell zum mitbesitzer des doironschen kosmos. 

diese magie ließ sich zum glück trotz der mächtigen soundprobleme spüren. erst recht als die vierfache mutter später allein das geviert ausfüllen musste und sich dabei nicht mehr mit soundproblemen konfrontiert sah. vom temporären ärger musste sie sich noch befreien, bis sie schließlich noch einmal mit einigen wunderbaren liedern beeindruckte. zum glück hatte sie sich nach der performance im duett nicht vollends verdrückt, sondern rückte einer zugabe zuleibe. und damit sich selbst. wie sie die gitarre schnarren ließ, einblick in ihre gefühlswelt erlaubte, ganz so wie sie auch ihren alltagszorn nicht versteckte. es ihre art. sie ist voller zweifel und fragen und dabei voller klarheiten. beziehungen gehen nicht einfach so auseinander, lässt sie uns wissen, es kommt stets noch etwas nach, das echo währt.


so auch die erinnerung an den opener "yer kids", diesen wunderbaren song vom 07er album "woke myself up", der großmutter gewidmet, schwappt er zwischen den tempi und lässt die protagonistin keckern und den sidepart nach lichten tönen greifen, herrlich wie er auf den bünden nach ihnen schnappte. "swan pond" wird zum erwarteten schunkler, christophers part verstärkte die reize, doch noch befindet sich die gesamte chose in haltloser bewegung. mit "le piano" zitierte doiron nachfolgend ihr französisch sprachiges album "désormais", eine kleine, feine, anmutige nummer gelingt. mit "cars and trucks" wird erstmals das letzte solowerk doirons zitiert, "so many days". es ist ein giftiges, verletzliches lied, das sich windet und wendet und sich nicht so recht einfangen lassen will. irgendwann packt es die sängerin beim kragen und legt es uns sorgsam gefaltet vor. ähnlich ergeht es "dirty feet" vom 2004er "goodnight nobody", wobei es dank seiner schönheit einfach nur ist. die noten tropften von den saiten und es begaben sich gesangsfetzen hinzu. im hintergrund poliertes, ein friedlich dreinblickender mann. "the only" und "where are you?" entstammten erneut dem letzten tonträger. beiden gefällt die korrespondenz von sanftmut in der stimme und ausdrucksstärke in der saitenarbeit. später erklingt noch das gemeinsam inonierte "twin summers", eine nummer von weird lines (geschrieben von christopher), an diesem abend in schlichtem kleid vorgetragen, wunderschön. nicht weniger glanzvoll erstrahlten hernach die solo vorgetragenen "i woke myself up", "snow falls in november" und "will still you love me in december". das ende war versöhnlich, wie der anfang und die mitte nicht vorhersehbar waren. wie das leben. und das leben macht spaß!
die nächsten termine: 01.07. offenbach - hafen 2 02.07. düdo. - kassette 03.07. hh - hasenschaukel 04.07. berlin - down by the river festival 


das trifft wohl auch auf andi langhammer zu, der sich seit vielen jahren unter dem moniker lost name einen namen gemacht hat. seine art das gitarrenbrett zu behauen, hat etwas animalisches, oft kämpferisches, als gelte es dämonen gegenüber zu treten. dabei führt er eine stimme mit sich, die an sanftmut und tragkraft für die besonderen themen kaum zu übertreffen ist. wir hatten den jungen songwriter das letzte mal 2009 erlebt. damals schien er deutlich introvertierter, verschlossen, in sich verkapselt. heuer aber zeigte er sich aufgeräumter, offener. seiner musik, die er im vorprogramm des julie doiron konzerts darbot, tat dies keinen abbruch.

tausend dank an heidi und bebop schallplatten für die einladung, das konzert, dafür!

Mittwoch, Mai 13, 2015

konzert: diane cluck, 11.05.15


tausende momente! unzählige stimulationen! klingende, auf höchste sensibilität gestellte rezeptoren, unter hochdruck, dampfend, arbeitend, über wache eineinhalb stunden angestrengt schnaufend, um zum ende hin völlig erschöpft darnieder zu liegen. hier die zigfachen harmoniesträhnchen, eingeflochten in ein sammelbecken aus dicht gewirkten songmustern, dort die dissonanten ausflüchte, hier die folkmomente, dort die jim morrison zitate, da diane clucks stimme dunkel mahnt, da die welt still zu stehen scheint, da es nur noch dieses eine argument gibt, welches mit stolz, mit mut, mit eindringlichkeit, vorgetragen mit aplomb, angebracht wird. an einen hörer, gebannt, erstaunt, auf eine rettung hoffend, die wie von selbst zu nahen scheint. da wird schon längst nicht mehr proklamiert, da entsteht ein flüstern, ein raunen, ein flüchtiges wispern und stellt der stille ein bein. da wird bereits aus unermesslichen tiefen geschöpft, um einen kelch darzureichen, aus dem mit kaum zu stillendem durst das heilung versprechende nass getrunken, ja angenommen wird wie die hostie beim abendmal.
überhaupt. lippen lesen. das gefesselte runde hielt den blick gebannt haftend auf den mund der künstlerin und las buchstabe für buchstabe ab, als ließen sich die geheimnisse dahinter so leichter entziffern.


doch was ist das faszinosum dieser amerikanerin, die man gern als speerspitze der antifolkbewegung markiert, die doch aber schon längst neue wesenheiten zeichnen, an denen sie sich solitär festmachen ließe? sie changiert zwischen den stilen genauso wie sie die harmonien mischt, wie sie der kolloratur versprechungen macht, wie sie die oktaven nimmt, als sprünge ein fünfzehnjähriger die treppen und ließ ohne besinnung gleich mehrere stufen aus. manch einer sprach von einer "eingewöhnungszeit", aber bitte, was ist das? wer war denn nicht von beginn an gefangen genommen? wer brachte die haltlosen vergleiche mit joan baez und co.? wo sich die friedfertigkeit mit eintracht paart, schlägt diane cluck ihre zelte wahrlich nicht auf. weit, weit darüber hinaus beweisen sich sanges- und songwriterkunst. während hier die eingezäunte wiese bewacht wird, öffnet sich dort die unendliche weite.
doch warum "maybe a bird" so früh, warum "sara" so spät? und warum klagen über diesen satten reigen lieder, der verspricht, dass man sich an so viele, an so vieles erinnert.


im vor sich hin dösenden, frühsommerlichen rosenheim öffnete die kleine, etwas versteckt und zugleich mittig im ort gelegene werkraum galerie ihre pforten, da sich der bebop schallplattenladen unter führung seiner rührigen besitzerin h.m. einlass für eines von ihm veranstalteten konzerts erbot. die gute stunde bis zum auftritt von diane cluck konnte man sich in munterer runde vertreiben, im gespräch mit dem vielzähligen publikum, das die engen hallen füllte, mit dem betrachten der ausstellung(en), mit dem blick auf ein anmutiges stilleben, da die künstlerin in einem kleinen nebenraum schreibend wartete, an einem runden antiquaren tisch platziert, auf dem eine schale obst gieriger finger gewahrte. das matte lichte des scheidenden tages tat sein übriges, um der stimmung namen zu geben.

diane cluck ist ein wacher, offener und zugleich in vermeintlich unverbrüchlicher sicherheit in sich ruhender mensch. ihr blick streift nur, da fühlt man sich bereit ermahnt. und doch entblößt sie eine angespannte, alte seele, die zur sprache, zu tönen klingen möchte. es ist die bewegung, die sie zugänglich werden lässt, das manische rudern in den klangkörpern, der befreiungsschlag, ein ums andere mal. cluck ist frei von manierismen, frei von sensibilitäten. die aufmunterung des publikums zu zwei zugaben versteht sie, dass es sich beim mitsingen ("perigee moon") und beim benennen von songwünschen zurückhält, eher weniger. schön wars dennoch. klar.

bitte nicht verpassen und grüßen:

Wed May 13th / Vienna, Austria / House Concert info: costacaspary (at) yahoo.com
Thu May 14th / Prague, Czech Republic / Potrvá w/ Daniel Meier / tickets
Fri May 15th / Berlin, Germany / Ausland
w/ Dead Western / tickets
Sat May 16th / Nürnberg, Germany / LUX – Junge Kirche / tickets
Sun May 17th / Ulm, Germany / Jazzkeller Sauschdall / tickets
Mon May 18th / Fulda, Germany / Underground
(HOERMAHL-Kost&Konzert)
Tue May 19th / Düsseldorf, Germany / Kassette w/ Scenic Route to Alaska
Wed May 20th / Brussels, Belgium / Huis 23 (sold out)
Fri May 22nd / Nijmegen, Netherlands / Extrapool
Sat May 23rd / Amsterdam, Netherlands / De Ruimte
Sun May 24th / Utrecht, Netherlands / KNG56
Mon May 25th / Brussels, Belgium / House Concert
info: tamarapress1030 (at) gmail.com