sollte es noch gegeben sein, werden sie von uns sagen, wie einfältig und dumm wir waren, wie wenig wir aus der geschichte gelernt haben und wie sehr wir darauf vertrauten uns zu trauen. wir schreiben die zukunft, die wir nicht wollten.
"1% juice" heißt das neue album von wayne graham. mit "mexico" und "joy" konnten die band aus kentucky bereits beredtes zeugnis ablegen, was abseits der großstädte, abseits des "prallen lebens" an musikalischer ausgestaltung möglich ist. am 13. november veröffentlicht die nun personell deutlich erweiterte band um die miles-brüder ein werk im zeichen der hoffnung.
cut surface belebt den herbst mit dem release "world piss" von good cop. während wir auf der frontseite des covers ein launiges bandfoto finden, präsentiert uns das wiener label auf der back allerlei strichmännchen, die, weiß gerändert dargestellt, jeweils einen demonstrativ gesetzten, gelb betonten pissfleck an den rechten stellen aufweisen. alle haben "eingeschifft". selbst die erdkugel bekommt ihr fett weg, wenngleich die hinterlassenschaft zu einem peace-zeichen zusammenfindet. niemand kommt davon. der gelbe saft, so frisch und rein, kontert den schweiß auf der stirn. doch betreiben wir hier keine humoralpathologie, maximal küchenpsychologie. ist es angst? die bleierne schwere des seins? billige inkontinenz? symbol für den untergang des abendlands? die ganze welt im arg?
good cop empfehlen sich für eine antwort. so herzlich das situative, so normal der gestus, mit röntgenaugen würden wir sehen, was wir nicht sehen wollten. auslauf zwischen den beinen. ungeschlacht, ungeschönt, die brisante und hier so ausnehmend homogen gestaltete mischung aus garage, punk und ohne zweifel einem quentchen agitation packt den homunkulus in dir. zerrer, packer und zerreisser und daneben fast schon melodieseliges. stets garniert mit breaks und aufmerkern. noch nach der siebzehnten umrundung wirkt dieses album nicht blässlich. im gegenteil, erfrischend und beine machend! auf dass wir rechtzeitig den lokus erreichen!
wenn nicht alles bereits gesagt wäre, fiele mir noch dies und jenes ein. aber die stete wiederholung ist so bedeutend wie ein kropf. mit adrianne lenker stellen wir uns jemanden an die seite, mit dem man problemfrei innehalten kann. manchmal möchte ich nicht mehr. und meistens nicht weniger. diese unfassbare ruhelosigkeit. anker. geworfen.
das neue soloalbum erscheint ende oktober auf 4ad.
diese musik hat eine ganz eigene wesenheit. man muss ihre lesart finden. man muss sich in der mischung aus entrücktheit und zwingender schlichtheit wiederfinden. einem groove folgen, der sich nicht aufdrängt, aber fortwährend an gewissheiten rüttelt. die spielerische eleganz des fingerpickings, der zurückhaltende, fast schon schüchternde gesang - im vordergrund stets das lied, ausdrucksform und präzisionsinstrument jeglicher offenbarung der allysen callery.
"ghost folk" heißt ihr aktuelles album, das am 30.10. via cosirecords auch in deutschland erscheinen wird. lange bereits hat die amerikanerin ihre fäden über den teich gesponnen und angedockt in der hiesigen musikszene, die das d.i.y.-prinzip zu einem lebendigen etwas hat werden lassen. genannt seien beispielhaft die stationen, bei welchen callery bereits veröffentlicht hatte: woodland recordings und jellyfant. während erstere weiterhin fleißig nischenbereiche auszuleuchten suchen, mussten zweitere die segel streichen. wunderbar, dass die menschen von cosirecords hier in die bresche sprangen.
unverstellt sollte die erste begegnung mit allysen callery sein. die ewig geglückten verweise auf die britische wie amerikanische (folk-) szene sowie die lange liste an möglichen und unmöglichen vorbildern sollte denen erspart bleiben, die auf eine songwriterin treffen, deren art und weise sich bloßzulegen einzigartig ist. dass sie schließlich selbst nick drake erkoren hat, auf ihrem mittlerweile neunten full length einen ehrenplatz einzunehmen - man höre "november man", spricht für sich.
nun, man darf auch mal den blick auf äußerlichkeiten lenken. lackdruck! eine exzellente pressung! aufgehoben in gefüttertem inlay! wohlfeiles design innen wie außen! ein plakatdruck beigelegt, auf welchem sich die songlyrics wiederfinden! downloadcode! allenthalben also ein begehrliches objekt, das sich bereits im vorverkauf größter beliebtheit erfreut. also, bitte beeilen beim bestellen.
schaut sich einer dieses unscheinbare geschöpf an. und danach bitte sehr den opener reinziehen. das passt dann schon zusammen, keine sorge. mit "i'll probably be asleep" legt die unter hachiku firmierende künstlerin ihren erstling vor:
labasheeda stammen aus amsterdam und suchen nicht die welt zu erobern, aber ihr artpunk winkt so verbindlich, dass man gezwungener maßen zurückgrüßt. an wenig flüchtigen melodien macht sich weiblicher gesang fest, der gern mal dissonant ausschlägt, ähnlich wie sich der bass nicht am riemen reissen kann, das drumming druckvoll beisst und die gitarren wesenheiten des genres zu definieren wissen.
nun sind fünf jahre ins land gegangen, anfang september erschien das neue album namens "status seeking". die truppe hat glücklicherweise nichts von ihrer giftigkeit verloren, irgendwo zwischen come und evangelista.
2008 war ein hervorragendes musikjahr. dass sich sam amidon damals zwischen frontier ruckus, liz durrett, merz, the felice brothers etc. behaupten konnte, hat viele gründe. zuvorderst diese stimme. leicht angekratzt, zuweilen fliehend, als hätte sich ihm bert jansch auf die brust gelegt. dann gab es keinen zweifel an der natürlichkeit des tuns, als wäre es eine pflicht, verpflichtung. und überhaupt, diese idee von einer alten seele kam einem immer wieder, wenn man "all is well" laufen ließ.
auf seinem neuen album, das er selbstbetitelt herausbringt, bearbeitet er vorwiegend altes liedgut und wertet es nach seinem gusto auf. es schimmert einiges aus 2008 hindurch:
vermutlich ist andré brorsson einer der musiker, mit dem ich mich hier am meisten beschäftigt habe. der schwede veröffentlicht am 25. september ein neues album. "farewell, bacchus point" ist dabei eine bestandsaufnahme, nachdem der kerl nun auch schon die mitte seines lebens überschritten hat. in einer ruhigen minute, wenn die melancholischen noten von "farewell,..." tönen, rufe ich mir die zig alben von brorsson aka stars in coma in erinnerung."half-life" könnte kein besserer einstieg sein.
da hats ein paar wirklich schöne songs auf dem zweiten album von fenne lilly. die junge dame aus bristol veröffentlicht mitte september auf dead oceans, der langspieler hört auf "breach". auch wenn vieles sehr ein- und zugänglich klingt, ganz einfach machte es das leben fenne lily nicht. das mattet ein und färbt durch und bringt der musik eine ganz eigene wesenheit. der hier ausgewählte track erinnert an the ballet, oder?
ende oktober erscheint auf fort lowell records eine ausgesuchte compilation, deren vordringlichstes anliegen es ist, auf die black lives matter kampagne aufmerksam zu machen. jeglicher groschen, der anfällt, kommt dem kampf gegen rassismus zugute. wir unterstützen das gern, insbesondere wenn solche perlen wie nachfolgende auf vinyl gepresst wurden:
"never give up" heißt der zweite ausstoss des duos partner. die band besteht aus josée caron and lucy niles und setzt neben der freundschaftlichen verbandelung auf eine mischugn aus klassischem und post-rock. ich finds dufte.
"by the fire" ist ein feiner titel für das neue album von thurston moore. recht spontan herausgehauen in diesen unwirtlichen zeiten. der opener "hashish" kursierte schon eine weile, dennoch präsentieren wir ihn gern als beispiel aus dem ende september erscheinenden werk, das neun tracks enthalten wird. mitgearbeitet haben deb googe, jon leidecker, james sedwards, steve shelley und hem doulton. es ist auf seine ganz eigene art unwahrscheinlich, monolithisch und doch akzentuiert. spannend!
die erste töne schon stehen in diesem licht, so schwach, so wach, so dezent und aufregend, erwartungsschwanger dem mehr entgegen. mit "blinded" beginnt das neue album von kath bloom. es ist, was es ist. eine unter wacher hand geschmiedete songkunst. begleitet wurde kath zehntracker von davis shapiro und flow ness.
dem kerl aus derbyshire ist man schnell verfallen, hört nur den opener aus seinem werk, der titeltrack "when the sun came" beschreibt die melodische belebtheit und das handwerkliche geschick, ganz abgesehen vom narrativ, das diesem instrumental innewohnt. dem werten leser, der sich mit nick jonah davis erst vertraut macht, sei vor allem die kollaboration mit c joynes "split electric" empfohlen:
"wire mountain" war im vergangenen jahr ein mehr als erinnerungswürdiges album, es blieb. wie es nur werke tun, die anrühren. mit "el capitan" legt will johnson nun seinen neuesten output vor. es erschien dieser tage und zeigt sich reduzierter als sein vorgänger. johnson selbst nutzt nur seine akustische, unterstützt durch britton beisenherz, thos harris (shearwater, xiu xiu) und lindsey verrill. die aufnahmen entstanden an drei tagen im juni.
will nicht wirklich in diese zeit passen und gerade doch der richtige soundtrack: das neue album von mary lattimore, die gemeinsam mit neil halssted (slowdive) aufgenommen hat, das werk heißt "silver ladders" und erscheint anfang oktober auf ghostly international:
einen feinen release, den wir Euch hier - wie zuletzt stets nur mit kurzem aufstosser - vorstellen möchten, am 03. juli erschienen, ist "smileland" ein wunderbarer vorbote auf die ep von rae fitzgerald, einer hoffnungsvollen, jungen lady aus columbia:
wie verdiente spieler eines verein gern "fußballgott" tituliert werden, nicht zuletzt wird dieser adelsverweis bei der nahmenserwähnung ergänzend skandiert, möchte ich bei dem barden immer 'unser aller' voranführen, gilt es seinen namen zu nennen: david thomas broughton. hier nun ein hinweis auf einen kleinen release, und zwar eines livemitschnitts aus dem jahr 2017. in brighton waren u.a. alabaster deplume, emma gatrill und marcus hamblett dabei. via bandcamp zu haben.