Freitag, April 11, 2008

konzert: 22 pistepirkko, 10.04.08

mein konzertkalender ist einer der orte, wo ich mich am liebsten aufhalte. mit dem finger fahr ich über die künstler und veranstaltungsorte hinweg und beame mich in die atmosphäre des jeweiligen clubs und erträume mir ein fantastisches erlebnis. an die realität gebunden, muss ich jedoch immer wieder feststellen, dass die auslassungen größer sind als die tatsächlich erfahrenen konzertbesuche.
22 pistepirkko allerdings hatte ich mir auf den unterarm tätowiert, so dass ein verpassen, versäumen oder eine terminüberschneidung mit dem eismann, dem gasableser oder kohlenlieferanten auszuschließen war. und? es klappte, ein derart konsequentes, zielorientiertes und schließlich erfolgreiches vorgehen muss ich mir zwar nicht patentieren, aber zur angewohnheit werden lassen. dabei sollten aber die gravuren auf meiner haut zukünftig kleiner ausfallen. sonst ist meine konzertsaison beendet, bevor sie richtig startet.
der club 59:1 war mir bis dato eine unbekannte institution, obwohl direkt an der sonnenstraße, im herzen münchens gelegen. in einem unscheinbaren hochgebäude dringt eine kleine passage mutig ins innere des betons und eröffnet einblick. vor dem schmalen eingang steht ein ordner, wie er besser nicht hätte für einen oi!- oder skinheadverlustigungsabend abgestellt werden können: bomberjacke, blähbauch, stiefel, aufgerollte jeans und die obligatorische glatze. es fehlte nur, dass er mich hätte antatschen wollen. zu gegebener zeit stellte sich heraus, dass es sich um einen verträglichen zeitgenossen handelte, der "grüß gott" und "guten weg" beherrschte. wer, wenn nicht wir, weiß, dass man das album nicht nach dem cover beurteilen soll.
der club selbst ist eine halbdunkle, in orange gestrichene höhle mit garderobe (immer von vorteil), platz für zwei djs, einem ordentlich langen tresen vor einer unauffälligen bar und einigen sitzgelegenheiten: couch, sessel, barhocker. die befüllung des 59:1 ging zügig vor sich, so dass bereits gegen 21.00 uhr ein fadenscheiniges gedränge beginnen konnte. hätte ich nicht zuvor auf einem plakat aufgeschnappt, dass mit bonaparte eine vorband antreten würde, wäre ich etwas irritiert gewesen, warum sich das auditorium so früh der bühne und nicht dem getränk zuwendete. nun denn, die holzplattform betreten vier junge männer, maskiert und kostümiert und legen einen "59:1, munich, party begins"- knaller auf. danach folgen einige sehr appetitliche funk 'n roll rocker, die zweifelsohne ähnlichen charakter aufwiesen, aber aufgrund des fulminanten einsatzes aller charmant, aufwiegelnd und bekömmlich daherkamen. red hot chili peppers waren meine erste assoziation und ich sollte diese über das ca. halbstündige set hinweg nicht mehr verlieren. wenn ich einen gesprächsfetzen richtig untergebracht habe, handelt es sich bei bonaparte um eine band aus berlinern und schweizern, die ihr programm gern auch von leicht bekleideten tänzerinnen untermalen lassen. gestern war es nur eine, die ihren auftritt jedoch sehr kontrolliert absolvierte.
vielleicht wollte sie nicht so vielen alten säcken einheizen, wie sie einerseits im publikum ausreichend verteilt waren und anderseits kurz darauf auf die bühne stiegen. 22 pistepirkko spielen seit 1980 erst innerhalb finnischer grenzen und nunmehr auch schon eine halbe ewigkeit für den rest der welt auf. am start: asko (bass, keyboard und allerlei effektgerät), sein bruder pk keränen (gitarre, gesang) und espe haverinen (drums, gesang). sympathen ohne frage und könner ihres fachs. der sound war vorbildlich, wie lange nicht gehört, eine ausgewogene lautstärke, perfektes zusammenspiel der instrumente bis hin zur erfassung von glockenspiel und tralala (Eurer phantasie überlassen). das aktuelle album "(well you know) stuff is like we yeah" spiegelt sehr gut wieder, wo die drei mannen derzeit stehen. kraftvoller rock 'n roll mit einer schwitzigen liebe für das psychedelische moment, verzicht auf artifizielles, dafür suche nach originalität in altbewährter gitarre/bass/drums- aufstellung. und hierin liegt wohl ihre stärke. die songs haben persönlichkeit, eine oder mehrere geschichten zu erzählen, die von pk mit seiner hellen stimme dargeboten werden, gekonnt ausgeschmückt und mit wumme vorgetragen. eine blaupause gibt es nicht, einzig durchscheinend die freude und das friedliche engagement der drei.


müde waren sie, vor allem der drummer, dem zwischenzeitlich mal der stick aus der hand flog, worauf asko konterte, dass man nun wenigstens davon ausgehen könnte, dass es sich um eine live- veranstaltung handele, da nur dort fehler geschehen. müde blieben sie aber nicht. denn song für song pirschten sich 22 pistepirkko an ihre idealform. hatte man zu beginn des konzerts das gefühl, dass manchem song das genick gebrochen wurde, uferten die titel später immer mehr aus, wurden ausgekostet und mit gitarrenfeedbacks und irrem, gewaltigem miteinander belebt. die band erinnerte an das orgiastische spiel yo la tengos, die dynamik, das halsbrecherische winden, das inniglich verknüpfende. etwas mehr ausgelassenheit wäre schließlich auch bei den anwesenden erwünscht gewesen, aber nur einige wenige zog es zu körperlicher betätigung. der kommunikation tat es aber keinen abbruch, denn schließlich parlierten die finnen auch wünsche des publikums und asko, der bedanker und wortführer ersten grades, hatte neben seinen veitstanz ähnlichen einlagen auch manchen gag auf lager. leider bin ich in der discography 22 pistepirkkos nicht so bewandert und kann keine setlist liefern. in jedem fall waren in ihr eine geraume anzahl titel des aktuellen albums untergebracht, u.a. "suburban ladyland", "sky girl", "zombie", "crazy meat" und eines der highlights "frankenstein" von bare bone nest aus `89. mit guten zwei stunden spielzeit entschädigte mich die band für manch verpasstes anderes konzert. in meinem konzertkalender findet sich nun ein dickes rotes herz, direkt über dem 10.04.08.
"eleven"- demoaufnahmen:
22 pistepirkko - taxi 74
22 pistepirkko - coma moon
22 pistepirkko - sad lake city

Bonaparte - Love Dangerous Living Kills
Bonaparte - Too Much!

Kommentare:

Oliver Peel hat gesagt…

"Guter Weg" ist wirklich ein lustiger bayrischer Spruch. Habe ich noch nie gehört. Wieder was gelernt. Aber warum wollte die leichtbekleidete Dame nicht den alten Säcken einheizen? Und 22 Pistepirkko gibt es schon so lange? Hätte ich nicht gedacht.

Fein und humorvoll geschrieben wieder mal, Eike.

E. hat gesagt…

ja, die finnen sind alte haudegen und sehen auch so aus: lederne haut, leicht verhärmt und das grau alter spelunken hat sich unter ihre epidermis geschoben.
aber: total sympathisch, sehr sehr nett, wie sie in ihrem lustigen slang daherreden und freude verbreiten.
unbedingt mitnehmen.
was die junge dame von bonaparte betrifft, nun, ich denke, sie zeigt ihre reize lieber jüngeren zeitgenossen. den altersdurchschnitt dieser veranstaltung schätze ich auf 35.

Oliver Peel hat gesagt…

35 ist doch nicht alt! Oder doch? Jetzt bringt Du mich ins Grübeln. Ob ich schon in der Midlife Crisis bin?