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Montag, April 01, 2019

konzert: good cop / wirtschaftskammer, 29.03.19

natürlich stand auch alles unter dem eindruck dieser neu entdeckten stadt. dieser so erstaunlich sauberen stadt. als ginge ihr unter der reinheit der charakter verloren. wäre da nicht die monstrosität, die größe, die macht und die erhabenheit, die längst alles deckten. habe ich in wien ein viertel gesehen, dass mich nicht beeindruckt hätte? vielleicht am prater. diesem volkstümlichen geviert, da man zwischen etlichen geisterbahnen und diversen fahrgeschäften flohmarkt abhalten, der wiener sportgemeinschaft frönen und zugleich dem stimmengewirr etlicher nationen folgen kann. alles geerdet, alles ohne übertriebenheit, irgendwie echt. ähnlich wie dem venster 99. einer kleiner lokation unter der bahn, wie sie ähnlich auch an der schönhauser allee in berlin zu finden sein könnte. eher dem punk zugeneigt, die aufspielenden kapellen würden wir wohl im münchner kafe kult antreffen, wenn sie denn richtung westen weiterreisten, an diesem abend wurden good cop und wirtschaftskammer erwartet. letztere um ihre debütalbumveröffentlichung zu lobpreisen.

der dreier von good cop schob ordentlich an, mit der rechten prise rotz und verwegenheit hieb man auf sein publikum ein. des sängers stimme entglitt mitunter ins falsett, etwa als er "o.b.c.t." intonierte, aber der handfesten vorstellung tat dies keinen abbruch. zudem gab es von bass und schlagwerk stets unterstützung, auch in sachen gesang. die musik der wiener band lässt sich wohl am ehesten im punkrock verorten, wenngleich auch immer mal wieder etwas new wave haltiges durchzulugen schien. guter auftakt, highlight "ex files" mit schönen weiblichen vocals.



manch einer schaute sich verdutzt um, da war die dreiköpfige kapelle namens wirtschaftskammer bereits kräftig am tun, als sänger clemens denk sich dazu gesellte, um dann doch eher abseitig zu agieren. dass er sich gänzlich dem auditorium zuwandte, war eher selten. und was er sang, war stets die halbe wahrheit, und wie er es tat, mehr ein sprechsingen, denn ein auf die note gtrimmter wohlklang. kein ort prädestinierter. und vielleicht sang er dann doch nicht nur in die ohren solcher, die eh schon auf linie sind. vielleicht waren an jenem abend auch menschen anwesend, denen man etwas beibringen konnte, die noch nicht jenseits von gut und böse agieren, in einer welt aus smartphonie und kaufbetäubung. 

doch der ungelenke kerl da vorne ist wahrlich kein agitator, aber seine statements wirken nach, subcutanes gut, das sich in die seele frisst. wer sich einmal gefangen hatte, konnte sicher dem launigen auftritt der frisch zusammengeschusterten truppe einiges abgewinnen. die batterie schoss gewaltig, fast aggressiv, dem bass konnte man zigfach feine lines abringen, die dennoch eine wucht besaßen, ganz zu schweigen vom klugen gitarrespiel der jungen dame im bunde. und dann eben clemens denk. "kaufkraft" geht ihm flink von den lippen, man spürt förmlich, wie er sich im text zuhause fühlt, und wie sehr ihn die darbietung anstrengt. zwischen den liedern verzieht er sich in den hintergrund. der hintergründige. 

"rechnung" ist statement und ein kapitaler brocken auch auf dem gerade erst auf cut surface erschienen selbstbetitelten album. das meiste ging ihm wohl leicht von der hand, konzipiert und vorausberechnet war da eher nix. und für den fremden hat das österreichische idiom sowie noch einen mehrwert. "elba", ja. ganz pragmatisch ist's , wenn er ans mikro muss, die einsätze passen und du spürst, dass sich die texte nicht ins musikalische drängen, das gehört zusammen, als hätte vor sich hin gemurmeltes eine melodie bekommen, wie ein spatz auf dem ast einen sonnenstahl ab, der sich durchs dichte geäst einen weg zu ihm bahnte.

für die welt ist herr denk ein fremder, und andersherum vermutlich auch. ich fühle mich dem nahe, was er zu sagen hat. und mir langt das angedeutete und die halbheiten. dahinter ist, was du selbst einfangen musst. wie auch sonst im leben.

am 15. april spielen wirtschaftskammer in hamburg. geht da hin!

Samstag, März 23, 2019

new rhythm (5): wirtschaftskammer


ende märz erscheint auf cut surface ein neues album, das unter "wirtschaftskammer" firmiert. die musikalienmeister haben sich zur vereinfachung den gleichen namen gegeben. oder umgekehrt. kompliziert ist es allemal. oder nicht. googelt man dem kompositum hinterher, kann es durchaus lustig werden, etwa wenn man auf den kirren werbespot der österreichischen wirtschaftskammer trifft, die den 12-stunden-arbeitstag ganz famos verkaufen will. einen shitstorm gab es trotzdem. meistens aber wirds ernst. denn schließlich wollen die interessen der gewerblichen wirtschaftstreibenden vertreten werden. romantisch ist anders. dies wäre aber sicher auch nicht der zusammenfassende terminus für die auf lp gepresste unternehmung der wiener band um clemens denk.

die nämlich setzt auf kapitale kritik. am system, an den simplizitäten der momente, in denen wir zum konsumieren motiviert werden, in welchen wir konsumieren resp. in denen wir dem ursprungszustand nachtrauern, weit bevor wir zum willigen opfer wurden. dass das ganze nicht gradlinig ins ohr gehen soll, dürfte angesichts der besonderen mitarbeit des texters, sängers und nicht zuletzt obmanns clemens denk vorausgesetzt sein. der wiener künstler arbeitet mit versatz, mit andeutungen und täuschungen, mit schnitt und wiederholung und nutzt dabei fleißig den quirl in seinem kunst-punk, damit die krude suppe auch fein am köcheln bleibt. knabbern am "zementohr"? nicht wirklich lecker. geschweige denn, wenn du die "rechnung" präsentiert bekommst. unsere "kaufkraft" im lamento der werbung und gescheuert am getunten interesse. im verlauf der dreizehn titel kommt man selbst immer mehr in verruf. vielleicht ist das ja einer der hintersinne der wirtschaftskammer. der aufkommende spaß bleibt gerne mal im halse stecken.
kaufen ab 29.03. via cut surface. die releaseparty steigt am selben tag im wiener venster 99.